Manchmal genügt ein ganz gewöhnlicher Bummel über die Kirmes, damit sich die Gegenwart für einen Augenblick zur Seite schiebt und die eigene Jugend mit breitem Grinsen wieder auftaucht. Genau das erlebte Lee Baxter im November 2019 auf der Allerheiligenkirmes in Soest: Zwischen bunten Lichtern, rasanten Fahrgeschäften und jenem unverwechselbaren Jahrmarktstrubel, bei dem Musik, Stimmen und der Duft von gebrannten Mandeln durcheinanderwirbeln, begegnete er plötzlich sich selbst. Nicht in einem Spiegel und auch nicht auf dem Display eines Handys, sondern als riesiges Graffiti-Porträt an einem Musik-Express. Das Motiv zeigte nicht den erwachsenen Lee des Jahres 2019, sondern den Boyband-Star, den wir aus den Neunzigern kannten, anschmachteten und vermutlich häufiger an unsere Zimmerwand klebten, als der Tapete langfristig guttat. Lee Baxter auf der Kirmes klingt deshalb zunächst wie der Beginn einer angenehm schrägen Fanfiction, war aber ein echter Zufall, wie ihn selbst die fantasievollste Bravo-Fotolovestory kaum besser hätte erfinden können.
Lee Baxter auf der Kirmes trifft sein jüngeres Ich
Wer Lee Baxter auf der Kirmes in diesem Moment beobachtet, versteht sofort, warum die Szene so sympathisch wirkt. Er steht nicht auf einer Bühne, wird nicht von Scheinwerfern angestrahlt und muss keine einstudierte Antwort auf eine längst bekannte Interviewfrage geben. Stattdessen schaut er auf dieses überlebensgroße Bild, lacht und wirkt ehrlich verblüfft darüber, dass sein Gesicht ausgerechnet hier mehr als zwei Jahrzehnte überdauert hat. Es ist eine jener Begegnungen mit der eigenen Vergangenheit, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Andere Menschen finden beim Aufräumen ein altes Klassenfoto oder entdecken in einer Schublade eine längst vergessene Konzertkarte; Lee findet eben ein monumentales Porträt von sich auf einem Fahrgeschäft. Boyband-Mitglied gewesen zu sein bringt offenbar eine etwas auffälligere Form der Erinnerungskultur mit sich.
Das Graffiti basierte auf einem Foto, das 1996 in der Jugendzeitschrift HIT! erschienen war. Allein diese Information öffnet bei vielen Fans sofort eine ganze Schublade voller Erinnerungen, in der sorgfältig ausgeschnittene Bilder, zerlesene Magazine und Poster mit leicht eingerissenen Ecken liegen. Damals warteten wir auf neue Zeitschriften nicht deshalb, weil wir dringend wissen mussten, welche Frisur gerade angesagt war, sondern weil irgendwo zwischen Starschnitt, Songtext und Liebeshoroskop vielleicht ein neues Foto von Caught In The Act steckte. Ein solches Bild wurde nicht beiläufig angesehen. Es wurde studiert, ausgeschnitten, getauscht und anschließend an einer Stelle befestigt, von der aus Lee, Benjamin, Bastiaan oder Eloy den gesamten Raum überwachen konnten. Privatsphäre war in einem echten Fan-Zimmer ohnehin ein sehr dehnbarer Begriff.
Dass ausgerechnet dieses Foto seinen Weg auf einen Musik-Express fand, verleiht der Geschichte einen besonderen Charme. Die Aufnahme war ursprünglich Teil jener schnelllebigen Popwelt, in der jede Woche neue Bilder, neue Berichte und neue Schwärmereien auftauchten. Trotzdem blieb sie erhalten, vergrößert und in Farbe auf eine Kirmesfassade gemalt. Während Kalender gewechselt, Musikkassetten durch CDs und CDs später durch Playlists ersetzt wurden, fuhr Lees jüngeres Ich offenbar unbeirrt Runde um Runde mit. So wurde Lee Baxter auf der Kirmes zur Hauptfigur einer kleinen Zeitreise, die niemand geplant hatte. Er begegnete damit nicht nur einem alten Foto, sondern einer erstaunlich robusten Version seiner Vergangenheit, die Wind, Wetter und zahllose Jahrmarktabende überstanden hatte.
Ein Musik-Express voller Erinnerungen an die 90er
Der Musik-Express war für diese Begegnung die denkbar passendste Kulisse, denn kaum ein Fahrgeschäft trägt das Lebensgefühl der Neunziger so zuverlässig weiter. Schon von Weitem hörte man den Bass, sah die Lichterketten blinken und wusste, dass es dort ein wenig lauter, schneller und aufregender zuging als beim gemütlichen Entenangeln. Wer einstieg, rutschte in den Kurven zwangsläufig näher an seine Begleitung heran, was je nach Sitznachbar ein logistisches Problem oder der heimliche Höhepunkt des Abends sein konnte. Vermutlich wurde auf einem Musik-Express mehr jugendliches Herzklopfen produziert als in mancher kompletten Staffel einer Datingshow. Vor dieser Kulisse wirkt Lee Baxter auf der Kirmes fast wie eine Szene, die seit 1996 auf ihren richtigen Augenblick gewartet hat.
Auf der Allerheiligenkirmes in Soest fügte sich das Porträt von Lee deshalb beinahe selbstverständlich in die Geräusch- und Bilderwelt ein. Der junge Caught-In-The-Act-Star blickte von der bunt bemalten Front, während das Fahrgeschäft seine Runden drehte und die Musik darüber hinwegschallte. Lee Baxter auf der Kirmes stand vor einer Art beweglichem Denkmal der Popkultur, das niemals feierlich geplant worden war und gerade deshalb so wunderbar passte. Hier gab es keine Absperrkordeln, keine nüchterne Museumstafel und keinen Audioguide, sondern Neonfarben, Airbrush und vermutlich irgendwo eine Stimme, die zur nächsten Fahrt aufforderte. Mehr neunziger Jahre auf einmal passen kaum in einen einzigen Moment.
Allerdings ist nicht jeder Musik-Express gleich gestaltet. In Deutschland reisen zahlreiche unterschiedliche Ausführungen von Kirmes zu Kirmes, und jede besitzt ihre eigene Bemalung. Wer nun beim nächsten Jahrmarktbesuch erwartungsvoll jedes Fahrgeschäft umrundet, hat also keine Garantie, Lee sofort zwischen Kasse und Rückwand zu entdecken. Das macht den Fund eher noch schöner, denn er war kein fest eingeplanter Programmpunkt, sondern echtes Kirmesglück. Lee Baxter auf der Kirmes hätte an diesem Abend an zahllosen Buden vorbeigehen können, ohne seiner Vergangenheit zu begegnen. Stattdessen führte ihn sein Weg genau zu jenem Musik-Express, der sein damaliges Gesicht seit Jahren durch die Städte trug.
Als Boyband-Stars zu farbenfroher Kirmeskunst wurden
Lee war auf dem Fahrgeschäft nicht allein. Auch andere bekannte Gesichter der Popgeschichte hatten dort einen Platz gefunden, darunter Anita Doth von 2 Unlimited und Michael Jackson. Diese Zusammenstellung wirkt aus heutiger Sicht herrlich ungezwungen, fast wie ein Mixtape, das jemand mit großer Begeisterung und ohne Rücksicht auf musikalische Schubladen zusammengestellt hat. Für die Gestaltung zählte offenbar vor allem, wer damals unverkennbar zur Popkultur gehörte und dessen Bild sofort Aufmerksamkeit erzeugte. Zwischen Dancefloor, Weltstar und Boyband bekam Lee seinen festen Platz, für immer jung und in jener dramatischen Farbenpracht verewigt, die auf einer Jahrmarktfassade vollkommen normal aussieht.
Für Fans besitzt diese Form der Kirmeskunst einen ganz eigenen Wert. Sie ist nicht kostbar im klassischen Sinn, wurde nicht hinter Glas geschützt und wahrscheinlich nie mit dem Gedanken geschaffen, Jahrzehnte später nostalgische Gefühle auszulösen. Dennoch bewahrt sie ein Stück Zeitgeschichte. Das Graffiti erinnert daran, wie präsent Caught In The Act Mitte der Neunziger waren und wie selbstverständlich die Gesichter der vier Bandmitglieder zum Alltag ihrer Fans gehörten. Sie begegneten uns in Magazinen, im Fernsehen, auf Postkarten, Bettwäsche, Schulheften und natürlich auf Postern. Das Motiv von Lee Baxter auf der Kirmes verbindet all diese Erinnerungen mit einem Ort, an dem niemand ein solches Wiedersehen erwartet hätte. Dass er noch 2019 von seinem eigenen Bild begrüßt wurde, zeigt auf die charmanteste Weise, wie weit diese Bilder gereist sind.
Vielleicht musste der Künstler damals gar nicht lange überlegen, welches Motiv er verwenden wollte. Ein Foto aus der HIT!, ein markantes Gesicht, die typische Frisur und dieser Blick, bei dem eine ganze Fangeneration kollektiv vergaß, was sie gerade sagen wollte: Mehr brauchte es nicht. Für uns lag in solchen Fotos eine komplette Gefühlswelt, während sie für den Maler vermutlich zugleich eine ideale Vorlage für eine weithin sichtbare Dekoration waren. Jahrzehnte später treffen beide Perspektiven wieder zusammen. Lee erkennt sein jüngeres Ich, Fans erkennen einen Teil ihrer Jugend, und das Fahrgeschäft setzt seine Runden fort, als wäre all das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Warum dieser Zufallsfund Fans so nahegeht
Auf den ersten Blick ist die Geschichte von Lee Baxter auf der Kirmes nur eine kleine, lustige Episode. Ein ehemaliger Boyband-Star entdeckt ein altes Bild von sich, hält den Moment in einem privaten Video fest und sorgt damit für ein paar überraschte Lacher. Doch wer in den Neunzigern Fan war, spürt unter dem Humor noch etwas anderes. Die Episode Lee Baxter auf der Kirmes berührt eine Erinnerung, die bei vielen von uns nur auf den passenden Auslöser wartet. Unsere Verbindung zu dieser Zeit hängt selten nur an den großen Ereignissen. Natürlich erinnern wir uns an Konzerte, Fernsehauftritte und die Aufregung vor einer neuen Single, aber oft sind es winzige Details, die alles zurückholen: das Rascheln einer Zeitschrift, ein bestimmtes Parfüm, der Anfang eines Songs oder eben die bemalte Wand eines Fahrgeschäfts.
Damals schienen Gefühle grundsätzlich in einer größeren Lautstärke stattzufinden. Ein neues CITA-Poster konnte den ganzen Nachmittag retten, ein verpasstes Interview dagegen eine kleine persönliche Tragödie auslösen. Wir planten den Fernsehabend nach Musiksendungen, verteidigten unseren jeweiligen Favoriten mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit und wussten bei manchen Bandmitgliedern vermutlich mehr über Lieblingsessen und Sternzeichen als über die nächste Klassenarbeit. Heute lächeln wir darüber, doch dieses Lächeln ist nicht spöttisch. Es gehört zu der warmen Erkenntnis, dass wir uns damals ohne Sicherheitsabstand begeistern konnten.
Genau deshalb berührt Lee Baxter auf der Kirmes so viele Menschen, die diese Jahre erlebt haben. Das Porträt macht sichtbar, dass Erinnerungen nicht verschwinden, nur weil unser Alltag inzwischen anders aussieht. Wir tragen sie mit uns, auch wenn zwischen Elternabend, Arbeit, Einkauf und der Frage, warum plötzlich jedes Körperteil nach einer eigenen Matratze verlangt, nicht ständig Zeit für Boyband-Nostalgie bleibt. Sobald das richtige Bild auftaucht, ist das frühere Gefühl wieder da. Nicht vollständig und nicht naiv, aber vertraut genug, um uns für einen Moment dieselbe aufgeregte Person sein zu lassen, die vor dem Fernseher saß und hoffte, dass ausgerechnet der Lieblingssong gespielt würde.
Auch für Lee selbst dürfte die Begegnung eine besondere Wirkung gehabt haben. Auf dem Graffiti sah er eine Version von sich, die Millionen Fans aus einer sehr intensiven Phase kannten, während er längst viele weitere Erfahrungen gesammelt hatte. Zwischen dem Foto von 1996 und dem Kirmesbesuch von 2019 lagen mehr als zwanzig Jahre, doch an diesem Abend standen beide Zeiten direkt nebeneinander. Lee Baxter auf der Kirmes bekam damit plötzlich einen stillen Dialog zwischen dem damaligen Star und dem heutigen Menschen. Sein spontanes Staunen wirkt deshalb so echt: Man kann wissen, dass alte Bilder irgendwo existieren, und trotzdem vollkommen unvorbereitet sein, wenn eines davon plötzlich mehrere Meter groß vor einem auftaucht.
Eine Zeitreise, für die kein Fahrchip nötig ist
Das private Video hält diese Begegnung fest, ohne sie größer machen zu müssen, als sie war. Gerade darin liegt sein Reiz. Kein aufwendig produzierter Rückblick hätte den Zufall so treffend erzählen können wie Lees ehrliche Reaktion vor dem Musik-Express. Lee Baxter auf der Kirmes ist nicht der unerreichbare Star auf einer fernen Bühne, sondern ein Mann, der bei einem Bummel mit Freunden unvermittelt über sein früheres Ich stolpert und darüber genauso lachen muss wie wir. Für einen kurzen Augenblick werden Vergangenheit und Gegenwart zu Sitznachbarn, die in der nächsten Kurve ein wenig näher zusammenrutschen.
Wer das nächste Mal über eine Kirmes geht, wird bemalte Fahrgeschäfte danach vielleicht mit anderen Augen betrachten. Zwischen Flammen, Fantasiefiguren und leuchtenden Schriftzügen könnte sich irgendwo ein Gesicht verbergen, das einmal die eigene Zimmerwand schmückte. Vielleicht ist es nicht Lee, vielleicht keine Boyband und vielleicht findet sich überhaupt kein bekanntes Motiv. Seit der Geschichte von Lee Baxter auf der Kirmes erscheint ein genauerer Blick jedenfalls ausgesprochen vernünftig. Er lohnt sich auch deshalb, weil Jahrmärkte ohnehin Meister darin sind, alte Gefühle aufzubewahren. Das Licht ist moderner geworden und die Musik hat sich verändert, aber dieses Kribbeln beim Einsteigen, das Stimmengewirr und die leicht übertriebene Hoffnung auf einen perfekten Abend fühlen sich erstaunlich vertraut an.
Am Ende bleibt die Geschichte von Lee Baxter auf der Kirmes deshalb mehr als eine kuriose Randnotiz aus dem Jahr 2019. Sie erinnert daran, dass Popkultur ihre Spuren an den unerwartetsten Orten hinterlässt und dass unsere Jugend nicht nur in Fotoalben oder digitalen Archiven weiterlebt. Manchmal reist sie auf einem Musik-Express durchs Land, bunt bemalt, ein wenig schrill und vollkommen unbeeindruckt vom Lauf der Zeit. Lee fand dort sein Gesicht aus dem Jahr 1996 wieder; wir finden in seinem Staunen vielleicht einen Teil von uns selbst. Und während das Fahrgeschäft seine nächste Runde beginnt, darf man ruhig kurz lächeln über die wunderbare Vorstellung, dass irgendwo da draußen die Neunziger noch immer ihre Kreise ziehen.
Privatvideo: Lee Baxter entdeckt sich selbst auf einer Kirmes!
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