Sieben Jahre lang war Benjamin Boyce ein Viertel von Caught in the Act. Vier Stimmen, vier Persönlichkeiten, ein gemeinsamer Terminkalender und eine Boybandmaschine, die irgendwann kaum noch Platz für eigene Richtungen ließ. Als Benjamin 1999 seine Solokarriere begann, klang der Neustart deshalb nicht nur nach einer neuen Platte, sondern nach dem tiefen Bedürfnis, endlich wieder selbst über Musik und Alltag entscheiden zu können.
Dem Sat.1-Magazin „Blitzlicht“ erklärte der damals 30-Jährige, dass er dringend einen Wechsel gebraucht habe. Sieben Jahre seien eine lange Zeit, und Veränderungen gehörten zum Leben. Der Satz wirkte weniger wie eine plötzliche Laune als wie das Ergebnis einer Phase, in der die erfolgreiche Bandform für ihn immer enger geworden war.
Benjamin sagte deutlich, dass er das Aufhören nicht bereue. Bedauert habe er die Art und Weise, wie es geschehen war. Damit trennte er zwei Gefühle voneinander, die in Erzählungen über Bandauflösungen gern vermischt werden: Der Wunsch nach einem neuen Weg konnte richtig sein, obwohl der gemeinsame Abschied verletzend, überstürzt oder unbefriedigend verlief.
Für seine Solokarriere 1999 arbeitete Benjamin mit einem neuen Produzententeam, veränderte seinen Stil und schrieb seine Texte selbst. Er wollte über Dinge singen, die ihn persönlich beschäftigten, und Liebe nicht länger als einzig zulässiges Popthema behandeln. Gefühle blieben wichtig, doch Gefühle bestehen schließlich aus mehr als romantischer Sehnsucht und einem möglichst fotogenen Blick in den Regen.
Das selbst betitelte Album „Benjamin Boyce“ sollte ihn zurück in die Hitparade bringen. Hinter diesem Ziel stand jedoch mehr als der Wunsch nach Zahlen und Applaus. Die Solokarriere sollte beweisen, dass Benjamin eigene Ideen entwickeln und tragen konnte. Nach Jahren, in denen Managemententscheidungen den Rhythmus bestimmten, wollte er seine Sache durchziehen – auch wenn das bedeutete, nachts bis zum Morgen über Texten zu sitzen und tagsüber vermutlich eine ausgesprochen intime Beziehung zu starkem Kaffee aufzubauen.
Nach sieben Jahren CITA musste etwas Neues beginnen
Sieben Jahre sind für jede berufliche Zusammenarbeit eine lange Zeit, für eine Boyband aber beinahe eine eigene Lebensform. Lee, Eloy, Bastiaan und Benjamin probten, reisten, drehten, gaben Interviews und standen gemeinsam auf Bühnen. Privatleben und Arbeit ließen sich dabei kaum sauber voneinander trennen, weil selbst Hotelzimmer, Flughäfen und freie Stunden Teil des Bandalltags wurden.
Vor seiner Solokarriere hatte Benjamin immer wieder erlebt, wie Manager darüber entschieden, was die Gruppe tun sollte. Nach seiner Darstellung blieb wenig Zeit für eigene Ideen und ein normales Privatleben. Diese Organisation war ein Teil des Erfolgs, konnte sich nach Jahren aber wie ein System anfühlen, in dem andere Menschen den Tagesablauf, das Auftreten und die künstlerische Richtung festlegten.
Von außen erschien das CITA-Leben glamourös. Fans sahen Konzerte, Reisen, Fernsehstudios und vier junge Männer, die scheinbar ständig gute Laune hatten. Hinter dieser Oberfläche lag ein enormer Arbeitsrhythmus. Wer immer unterwegs ist, kann Erfolg genießen und gleichzeitig das Gefühl entwickeln, kaum noch selbst zu bestimmen, wofür die eigene Energie verwendet wird.
Benjamin beschrieb den notwendigen Wechsel ohne romantische Umschreibung. Er hatte die Nase voll und war bereit, etwas anderes zu machen. Die Solokarriere war damit nicht bloß der übliche nächste Marketingpunkt nach einer erfolgreichen Gruppe. Sie war für ihn eine Form von Freiheit.
Diese Freiheit brachte allerdings Verantwortung mit sich. In einer Band verteilen sich Entscheidungen, Aufmerksamkeit und Kritik auf mehrere Schultern. Als Solokünstler steht ein Name allein auf dem Cover. Wenn ein Song überzeugt, gehört der Erfolg stärker zur eigenen Handschrift; wenn er nicht funktioniert, lässt sich das Ergebnis ebenfalls nicht bequem hinter drei Bandkollegen verstecken.
Mit 30 Jahren befand Benjamin sich in einem Alter, in dem er seine bisherigen Erfahrungen nutzen und trotzdem noch einmal neu anfangen konnte. Er war kein unerfahrener Sänger, der zum ersten Mal ein Studio betrat. Er kannte Kameras, Bühnen und Medien, musste nun aber herausfinden, welche Teile dieser Erfahrung zu ihm selbst gehörten und welche nur innerhalb von Caught in the Act funktioniert hatten.
Benjamin bereute den Abschied, aber nicht den Neuanfang
Für die beginnende Solokarriere war Benjamins Unterscheidung zwischen Entscheidung und Ablauf besonders aufschlussreich. Er bereute nicht, aufgehört zu haben, sondern die Art, wie es passiert war. Ein Mensch kann eine gemeinsame Vergangenheit wertschätzen, den Abschied bedauern und trotzdem wissen, dass die bisherige Form keine Zukunft mehr für ihn besitzt.
Die beginnende Solokarriere war daher keine vollständige Ablehnung der CITA-Jahre. Ohne diese Zeit hätte Benjamin weder dieselbe Bekanntheit noch dieselbe Erfahrung besessen. Sieben Jahre Band hatten ihn geprägt, auch wenn er nun Abstand zu Entscheidungen suchte, die lange von anderen getroffen worden waren.
Für Fans war diese Differenzierung vermutlich schwer auszuhalten. Eine Boybandtrennung weckt den Wunsch nach einem einfachen Grund: jemand ist schuld, ein Streit hat alles zerstört oder eine Versöhnung könnte alles rückgängig machen. Benjamins Worte boten keine solche bequeme Lösung. Er wollte etwas Neues, und selbst ein schönerer Abschied hätte an diesem Wunsch wahrscheinlich nichts geändert.
Gleichzeitig schwang in seinem Bedauern Verletzung mit. Die Art einer Trennung bestimmt, wie Menschen auf gemeinsame Jahre zurückblicken. Wenn Entscheidungen schnell fallen oder nicht alle Beteiligten denselben Abschluss erleben, bleibt neben Erleichterung auch Trauer. Eine Solokarriere beginnt dann nicht auf einer völlig freien Fläche, sondern mitten in Gefühlen, die erst sortiert werden müssen.
Benjamin wirkte im „Blitzlicht“-Interview entschlossen. Für ihn sei genau der richtige Zeitpunkt gekommen, etwas Neues anzufangen. Nach sieben Jahren war der Wunsch nicht mehr theoretisch. Er wollte nicht irgendwann eigene Musik machen, sondern jetzt – mit einem anderen Team, eigenen Texten und Themen, die nicht aus einem fertigen Boybandkatalog stammten.
Das erklärt auch die Energie, mit der er über das Album sprach. Er musste sich selbst und vermutlich auch anderen beweisen, dass seine musikalische Identität nicht am Ende von CITA endete. Die Solokarriere sollte keinen schwächeren Ersatz liefern, sondern eine neue Version von Benjamin zeigen.
Für langjährige Fans blieb dabei ein emotionaler Spagat. Sie konnten CITA vermissen und Benjamin trotzdem unterstützen. Die alte Gruppe und das neue Album mussten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wer sieben Jahre Erinnerungen mit einer Band verband, durfte diese behalten und gleichzeitig neugierig auf den Menschen sein, der nun allein weitermachte.
Eigene Texte statt vorgeschriebener Liebeslieder
Für sein erstes Soloalbum arbeitete Benjamin mit einem neuen Produzententeam zusammen. Der Wechsel sollte hörbar machen, dass hier nicht einfach ein CITA-Album mit nur einer Stimme entstand. Stil, Themen und Arbeitsweise mussten eine eigene Richtung bekommen, damit die Solokarriere mehr als eine Fortsetzung unter verkürztem Namen wurde.
Benjamin schrieb alle Texte selbst und wollte über Dinge sprechen, die ihn persönlich bewegten. Gefühle gehörten selbstverständlich dazu, doch er wehrte sich gegen die Vorstellung, jeder Song müsse automatisch von Liebe handeln. Nach Jahren voller romantischer Boybandtitel war allein dieser Satz beinahe eine kleine musikalische Unabhängigkeitserklärung.
Die Kritik an „kitschigen Lovesongs“ bedeutete nicht, dass frühere Lieder wertlos waren. Sie hatten Millionen Fans erreicht und gehörten zu Benjamins Geschichte. Doch ein Künstler kann dankbar für einen Erfolg sein und trotzdem nicht denselben Inhalt endlos wiederholen wollen. Die Solokarriere gab ihm die Möglichkeit, Neugier, Zweifel und ungewöhnlichere Gedanken in Songs zu verwandeln.
Sein Arbeitsrhythmus passte wenig zu einem geordneten Bürotag. Ideen kamen ihm nach eigener Aussage häufig nachts zwischen zehn und elf Uhr. Dann setzte er sich hin und schrieb, manchmal bis acht Uhr morgens. Während andere Menschen bereits über den ersten Kaffee nachdachten, ging Benjamin offenbar erst ins Bett.
Diese nächtlichen Schreibphasen klingen romantisch, waren aber vermutlich auch anstrengend. Kreative Freiheit besitzt keinen eingebauten Feierabend. Wenn ein Gedanke funktioniert, möchte man ihn festhalten, weiterentwickeln und nicht verlieren, nur weil die Uhr eine vernünftige Schlafenszeit überschritten hat. Für die Solokarriere nahm Benjamin diesen Rhythmus bewusst in Kauf.
Zum ersten Mal konnte er eine Idee vom Anfang bis zum Text selbst begleiten. Das veränderte seine Beziehung zum Ergebnis. Ein Song war nicht länger nur Material, das eine Band überzeugend präsentieren sollte, sondern eine Aussage, für deren Worte er persönlich einstand.
Das selbst betitelte Album „Benjamin Boyce“ setzte genau darauf. Schon der Name machte deutlich, dass keine neue Kunstfigur zwischen Sänger und Publikum gestellt wurde. Die Platte sollte Benjamin als eigenständigen Künstler vorstellen und zugleich an die Bekanntheit anknüpfen, die er sich mit Caught in the Act erarbeitet hatte.
Aliens bringen die neue Gedankenfreiheit auf den Punkt
Wie weit sich Benjamin in seiner Solokarriere thematisch von klassischen Boybandgeschichten entfernen wollte, zeigte „10.000 Lightyears“. Er las viel über Aliens und über Berichte von Menschen, die behaupteten, Kontakt zu Außerirdischen gehabt zu haben. Auch die Vorstellung, die Menschheit könne ursprünglich von einem anderen Stern stammen, beschäftigte ihn.
Für eine Solokarriere, die bewusst andere Themen suchte, war das nahezu ideal. Statt erneut eine unerreichbare Geliebte zu besingen, blickte Benjamin weit über die Erde hinaus. Ob man seine Überlegungen teilte oder nicht, spielte dabei eine kleinere Rolle als die Tatsache, dass sie wirklich aus seiner eigenen Neugier entstanden.
„10.000 Lightyears“ zeigte damit eine Persönlichkeit, die in der Boybandform weniger sichtbar gewesen war. CITA-Interviews drehten sich häufig um Beziehungen, Tourneen und harmlose Lieblingsdinge. Nun konnte Benjamin über Außerirdische, Herkunft und die Möglichkeit sprechen, dass unsere vertraute Welt nicht die ganze Geschichte sein könnte.
Das war ein Risiko und zugleich der Sinn der neuen Freiheit. Eine Solokarriere wird unglaubwürdig, wenn sie nur jene Entscheidungen wiederholt, von denen ein Künstler sich gerade lösen wollte. Benjamin musste Themen wählen dürfen, bei denen ein Management zuvor vielleicht kurz besorgt gefragt hätte, ob ein romantischer Refrain nicht doch leichter zu verkaufen sei.
Für Fans war der Schritt überraschend, aber nicht völlig fremd. Wer Benjamin über Jahre beobachtet hatte, bekam nun Zugang zu Gedanken, die hinter dem bekannten Image lagen. Der Mann vom Poster interessierte sich nicht ausschließlich für Liebe, Musik und die nächste Choreografie. Er las nachts offenbar auch Dinge, die ihn gedanklich mehrere Lichtjahre vom üblichen Boybandinterview entfernten.
Gerade dieser Gegensatz besitzt rückblickend Humor. Nach sieben Jahren in einer der bekanntesten Boybands wollte Benjamin endlich keine vorgeschriebenen Liebesgeschichten mehr erzählen – und landete thematisch bei Aliens. Wenn man schon aus einem engen musikalischen Rahmen ausbricht, darf die erste neue Richtung offenbar gern sehr weit entfernt liegen.
Köln wird zum Ausgangspunkt für Benjamins eigenen Weg
Für seine Solokarriere lebte Benjamin inzwischen in Köln und eignete sich nach eigener Aussage die rheinische Lebensweise an. Der Ortswechsel passte zu seinem künstlerischen Neustart. Eine neue Umgebung kann helfen, alte Strukturen zu verlassen und einen Alltag aufzubauen, der nicht ständig nach der vorherigen Band funktioniert.
Für seine Solokarriere 1999 fühlte er sich nun bereit. Drei Jahre zuvor sei er noch nicht so weit gewesen, erklärte er. Diese Aussage macht deutlich, dass der Wunsch nach Eigenständigkeit nicht spontan am Tag der Trennung entstand. Er hatte offenbar Zeit gebraucht, um Vertrauen in die eigene Richtung zu entwickeln.
Bereit zu sein bedeutete nicht, dass jeder weitere Schritt automatisch gelingen würde. Der Name Caught in the Act öffnete Türen, schuf aber zugleich Erwartungen. Fans wollten den vertrauten Benjamin wiedererkennen, während er beweisen wollte, dass er sich verändert hatte. Eine neue Solokarriere musste beides miteinander verbinden.
Seine Entschlossenheit war im Interview deutlich. Er werde sein eigenes Ding durchziehen. Nach Jahren gemeinsamer Entscheidungen und externer Vorgaben war schon die Formulierung wichtig: mein Ding, meine Texte, meine Themen. Der Erfolg ließ sich nicht garantieren, die Richtung aber endlich selbst bestimmen.
Rückblickend zeigt der „Blitzlicht“-Bericht einen Künstler zwischen Erleichterung und Erwartungsdruck. Benjamin war froh über die Freiheit und trug gleichzeitig die Aufgabe, sie sinnvoll zu nutzen. Niemand konnte mehr festlegen, worüber er singen musste; nun musste er selbst entscheiden, was er wirklich zu sagen hatte.
Die Solokarriere war damit nicht nur ein Wechsel vom Gruppenfoto zum Einzelporträt. Sie veränderte den gesamten kreativen Prozess. Benjamin schrieb nachts, arbeitete mit neuen Produzenten, beschäftigte sich mit ungewöhnlicheren Themen und musste als alleiniger Name für das Ergebnis stehen.
Für Fans blieb seine CITA-Vergangenheit trotzdem hörbar und sichtbar. Sieben Jahre lassen sich nicht abschütteln, und das musste auch nicht das Ziel sein. Die Erfahrung hatte ihn zu dem Künstler gemacht, der nun nach Freiheit verlangte. Entscheidend war, dass Vergangenheit nicht länger jede kommende Entscheidung bestimmte.
Vielleicht ist genau diese Mischung der interessanteste Teil des Interviews. Benjamin sprach nicht wie jemand, der alles Frühere verachtete. Er wusste lediglich, dass die bisherige Form für ihn beendet war. Er bedauerte den Ablauf, nicht den Schritt, und sah in der Solokarriere die Möglichkeit, wieder Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen.
Wenn wir den Bericht heute ansehen, begegnen wir deshalb nicht nur einem ehemaligen Boybandstar mit einem neuen Album. Wir sehen einen 30-jährigen Mann, der nach sieben eng getakteten Jahren herausfinden wollte, was geschieht, wenn niemand mehr die Richtung vorgibt. Seine Antworten wirken entschlossen, gelegentlich trotzig und gerade dadurch ehrlich.
Am Ende steht die Solokarriere für Benjamins Wunsch nach einem Leben, in dem er selbst schreiben, entscheiden und auch einmal über Aliens nachdenken durfte. Der Neubeginn konnte die schwierige Trennung nicht reparieren, aber er gab ihr eine Richtung. Und vielleicht ist das die erwachsenste Form von Freiheit: nicht zu behaupten, dass alles gut gelaufen sei, sondern trotzdem mutig den nächsten eigenen Schritt zu gehen.
Sat1 Blitzlicht – Benjamin über seine beginnende Solokarriere
Das sind die offiziellen Instagram-Accounts der vier:
Lee
Eloy
Bastiaan
Benjamin
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