Wer Benjamin Boyce 1999 nur als strahlenden ehemaligen Boybandstar in Erinnerung hatte, dürfte beim Musikvideo zu 10.000 Lightyears kurz am eigenen Gedächtnis gezweifelt haben. Statt makellosem Hemd, einstudiertem Lächeln und einer Liebesgeschichte mit garantiertem Herzschmerz lag Benjamin schmutzig und bewusstlos im Gras, während Männer mit ernsten Gesichtern offenbar überlegten, was sie mit ihm anfangen sollten. Über allem schwebte die Ahnung, dass hier nicht nur ein neuer Song, sondern auch ein deutlich veränderter Künstler vorgestellt werden sollte.
Das Sat.1-Magazin „Blitzlicht“ begleitete den Clipdreh und beschrieb eine geheimnisvolle Szenerie mit Hubschrauber, FBI-Männern, Wind, Wetter und einem ziemlich mitgenommen aussehenden Benjamin. Wer damals vor dem Fernseher saß, bekam also keine weichgezeichnete Fortsetzung der Caught-in-the-Act-Jahre serviert, sondern Bilder, die eher nach Science-Fiction, Militärgelände und einer sehr unbequemen Nacht im Freien aussahen. Romantische Kerzen waren an diesem Drehtag vermutlich Mangelware, Kuscheldecken dagegen ausgesprochen willkommen.
Heute ist der Clipdreh zu 10.000 Lightyears aus mehreren Gründen spannend. Er erzählt von Benjamins Wunsch, nach der Trennung von CITA selbst zu bestimmen, welche Musik er machen und welche Geschichten er erzählen wollte. Gleichzeitig existiert dazu Material, das weit über den fertigen Videoclip hinausgeht: Benjamin stellte dem CITAFORUM exklusive Aufnahmen aus seiner privaten Videosammlung zur Verfügung. Dadurch lässt sich nicht nur das Ergebnis betrachten, sondern auch ein Stück jener Arbeit, die normalerweise außerhalb des Bildes bleibt.
Zwischen Fernsehbericht, fertigem Video und privatem Bonusmaterial entsteht ein Zeitdokument, das wunderbar in das Jahr 1999 passt. Die Boybandära war für Benjamin gerade beendet, seine neue künstlerische Freiheit fühlte sich verheißungsvoll und vermutlich auch ein wenig riskant an, und ausgerechnet eine Begegnung mit einem Alien wurde zum Symbol dafür, wie weit er sich von Erwartungen entfernen wollte. Wenn schon Neuanfang, dann offenbar nicht halbherzig.
Benjamin Boyce verabschiedet sich vom ewigen Liebeslied
Für 10.000 Lightyears wollte Benjamin nach den Jahren mit Caught in the Act gerade nicht dort weitermachen, wo die Band aufgehört hatte. Ein gefühlvoller Song über Nähe, Trennung oder unerreichbare Liebe wäre vertraut gewesen und hätte sich problemlos in das Bild eingefügt, das viele Fans von ihm kannten. Doch genau diese sichere Route reizte ihn nicht mehr. Er hatte, wie er beim Dreh erklärte, genug von den ewigen Liebesliedern und wollte endlich über etwas singen, das ihn selbst beschäftigte.
Bei 10.000 Lightyears ging es deshalb um die Begegnung mit einem Außerirdischen. Das klingt zunächst nach einem ziemlich großen Sprung von romantischen Boybandballaden, war für Benjamin jedoch kein beliebiger Effekt. Er sagte, dass Menschen bei Außerirdischen häufig sofort an kleine grüne Figuren mit schwarzen Augen auf T-Shirts dächten, er selbst aber daran glaube, dass es dort draußen tatsächlich irgendetwas gebe. Hinter der spektakulären Videogeschichte stand damit eine echte persönliche Faszination.
Gerade dieser Gedanke macht den Song rückblickend sympathisch. Benjamin versuchte nicht, seinen bisherigen Erfolg einfach mit einem leicht veränderten Etikett zu wiederholen, sondern griff eine Vorstellung auf, über die er offenbar wirklich nachdachte. Nach Jahren, in denen vier Persönlichkeiten, Plattenfirma, Produzenten und Management gemeinsam ein Bandbild formen mussten, konnte er nun eine Idee verfolgen, die ganz klar seine eigene Handschrift trug.
Natürlich bedeutete künstlerische Freiheit nicht, dass der Dreh plötzlich bequem wurde. Während einer Pause saß Benjamin in eine Kuscheldecke gewickelt da, nachdem er für die Bilder bei wenig einladendem Wetter im Gras gelegen hatte. Dieses Detail holt das große Science-Fiction-Konzept angenehm auf den Boden zurück: Auf der Leinwand mag ein rätselhaftes Wesen aus den Tiefen des Alls auftauchen, hinter der Kamera möchte der Hauptdarsteller irgendwann trotzdem einfach wieder warme Füße haben.
Das Video zu 10.000 Lightyears lebte genau von diesem Gegensatz. Die Geschichte sollte bedrohlich und rätselhaft wirken, während der Dreh selbst aus sehr realen Wiederholungen, Wartezeiten und körperlich unangenehmen Momenten bestand. Benjamin musste erschöpft, schmutzig und verletzlich aussehen, damit die Begegnung glaubwürdig wurde. Glamour sah 1999 manchmal eben aus wie ein attraktiver Mann, der im nassen Gras lag und hoffte, dass die nächste Szene beim ersten Versuch saß.
Ein Alien, ein Verhör und sehr ernste Männer
Die Handlung von 10.000 Lightyears nahm Benjamins außerirdische Begegnung erstaunlich ernst. Nachdem er das Alien gesehen hatte, wurde er in einen Militärstützpunkt gebracht und dort einem nervenaufreibenden Verhör unterzogen. Die Männer, die ihn musterten, wirkten nicht so, als würden sie sich mit einem Autogramm und einer freundlichen Erklärung zufriedengeben. Stattdessen stand die Frage im Raum, was Benjamin gesehen hatte und wie viel davon er erzählen durfte.
Damit bekam 10.000 Lightyears eine Atmosphäre, die sich deutlich von den vertrauten Kulissen vieler Popvideos unterschied. Es ging nicht um eine dekorative Zukunftswelt mit silbernen Kostümen, sondern um Misstrauen, Kontrolle und das unangenehme Gefühl, nach einer unglaublichen Erfahrung selbst zum Verdächtigen zu werden. Die ernsten Blicke, der Hubschrauber und das Gelände verliehen der Geschichte eine Schwere, die Benjamins neue Richtung sichtbar machte.
Als 10.000 Lightyears erschien, muss dieser Anblick für Fans, die Benjamin vor allem als Teil von CITA kannten, gleichzeitig fremd und faszinierend gewesen sein. Er war noch immer derselbe Mann, dessen Poster an der Wand hing, doch im Clip wurde sein vertrautes Gesicht in eine vollkommen andere Erzählung gesetzt. Gerade darin lag der Reiz: Man musste die Vergangenheit nicht vergessen, um neugierig darauf zu sein, was er allein ausprobieren würde.
Der Clipdreh zu 10.000 Lightyears zeigte außerdem, wie geschickt ein Musikvideo damals eine neue Künstleridentität erzählen konnte. Ohne lange Erklärung wurde deutlich, dass Benjamin nicht einfach nur als Solosänger vor einer anderen Studiokulisse stand. Er präsentierte sich als jemand, der eigene Ideen entwickeln, Risiken eingehen und auch einmal eine Geschichte erzählen wollte, in der Liebe höchstens zehn Lichtjahre entfernt irgendwo auf einem anderen Planeten vorkam.
Humorvoll betrachtet hatte das Konzept noch einen weiteren Vorteil: Niemand konnte fragen, ob das Alien eine feste Freundin war oder ob es bei der nächsten Tour mitreisen würde. Nach unzähligen Boybandinterviews dürfte allein diese Aussicht erholsam gewesen sein. Statt Beziehungsstatus und Traumfrau standen plötzlich geheime Anlagen und außerirdisches Leben auf dem Programm, was als Themenwechsel kaum deutlicher hätte ausfallen können.
Der Teufelsberg wird zur geheimen Filmkulisse
Gedreht wurde 10.000 Lightyears an der ehemaligen Abhörstation auf dem Berliner Teufelsberg, einem Ort, der für das Konzept kaum passender hätte sein können. Die markanten Gebäude und Radarkuppeln wirkten bereits ohne große zusätzliche Dekoration geheimnisvoll, technisch und ein wenig unheimlich. Wer dort eine Geschichte über Außerirdische, Militärs und ein Verhör inszeniert, muss dem Publikum nicht lange erklären, dass etwas Außergewöhnliches passiert.
Für 10.000 Lightyears wurde der Teufelsberg damit mehr als eine hübsche Kulisse. Der Ort verband sichtbare Spuren vergangener Überwachung mit der Fantasie einer Begegnung, die offiziell vielleicht niemals stattgefunden haben sollte. Diese Mischung aus realer Geschichte und erfundener Science-Fiction verlieh den Bildern eine Glaubwürdigkeit, die in einem gewöhnlichen Studio nur mit erheblichem Aufwand entstanden wäre.
Gleichzeitig lässt das Bonusmaterial zu 10.000 Lightyears erahnen, wie wenig romantisch ein solcher Drehort für die Beteiligten sein konnte. Wind und Wetter kümmerten sich nicht darum, ob Benjamin gerade seine zweite Solosingle drehte, und Beton, Gras und alte Anlagen boten nur begrenzten Komfort. Dass er sich in den Pausen in eine Decke hüllte, wirkt deshalb nicht wie eine kleine Starallüre, sondern wie eine ausgesprochen vernünftige Überlebensstrategie.
Der Bericht von „Blitzlicht“ fing diese Mischung schön ein. Vor der Kamera entstand eine düstere Geschichte, während die Aufnahmen vom Dreh gleichzeitig zeigten, dass hinter jedem dramatischen Blick Menschen standen, die Szenen vorbereiteten, auf ihren Einsatz warteten und sich zwischendurch wieder aufwärmen mussten. Genau solche Einblicke machten Fernsehberichte über Videodrehs in den neunziger Jahren so beliebt: Für wenige Minuten durfte man dorthin schauen, wo die perfekte Popwelt ihre Jacke anzog und fror.
Auch deshalb ist der Dreh von 10.000 Lightyears heute ein reizvoller nostalgischer Rückblick. Der Teufelsberg ist nicht austauschbar, Benjamin bleibt nicht bloß dekorativer Mittelpunkt, und die Geschichte trägt eine Idee, die ihm selbst wichtig war. Selbst der Schmutz in seinem Gesicht erzählt etwas über den Abstand, den er zwischen die neue Single und sein früheres Hochglanzimage legen wollte.
Eigene Musik und ein neues Gefühl von Freiheit
Song und Videokonzept von 10.000 Lightyears stammten von Benjamin selbst, und genau darauf war er stolz. Er wollte sich und anderen beweisen, dass er eigene Songs schreiben und eigene Musik machen konnte, unabhängig von Menschen, die ihm eine Richtung vorgaben. Nach der Trennung von Caught in the Act beschrieb er sich als seinen eigenen Herrn und sagte, dass ihn niemand mehr schubse und auffordere, dieses oder jenes zu tun.
In 10.000 Lightyears steckt deshalb nicht nur die Geschichte eines Aliens, sondern auch die Geschichte eines Musikers, der seine Entscheidungen zurückerobern wollte. Freiheit klang in diesem Zusammenhang nicht nach sorglosem Urlaub, sondern nach Verantwortung. Wenn eine Idee funktionierte, durfte Benjamin den Erfolg für sich beanspruchen; wenn sie scheiterte, konnte er die Entscheidung ebenfalls nicht bequem bei einer Band oder einem Team abladen.
Sein Verhältnis zur Öffentlichkeit hatte sich ebenfalls verändert. Benjamin wollte Verschwiegenheit und Unwahrheiten hinter sich lassen und offener über sein Leben sprechen. Diese Haltung zeigte sich auch darin, dass er die damalige Beziehung zu Moderatorin Aleksandra Bechtel nicht länger geheim hielt. Nach den streng kontrollierten Jahren einer Boyband wirkte diese Offenheit wie ein weiterer Teil desselben Neuanfangs.
Auch über Eloy de Jongs öffentliches Coming-out, das wenige Wochen zuvor erfolgt war, sprach Benjamin unterstützend. Wenn jemand schwul sei und daraus kein Geheimnis machen wolle, solle er es sagen dürfen, erklärte er sinngemäß. Er könne sich vorstellen, dass Eloy nun glücklicher sei und ganz er selbst sein könne, und genau das sei schließlich entscheidend.
Diese Aussage verdient im Rückblick Aufmerksamkeit, weil sie den Gedanken hinter 10.000 Lightyears auf einer persönlicheren Ebene spiegelt. Sowohl in der Musik als auch im privaten Leben ging es um die Freiheit, nicht mehr eine Rolle erfüllen zu müssen, die andere festgelegt hatten. Benjamin wollte eigene Songs schreiben, Eloy wollte offen zu sich stehen, und beide Bewegungen führten weg von Geheimhaltung und fremden Erwartungen.
Natürlich löste ein einzelner Song nicht alle Schwierigkeiten eines Solostarts. Doch Benjamins Worte beim Dreh zeigen, wie wichtig ihm dieser Schritt war. Er wollte nicht lediglich beweisen, dass er auch ohne CITA auf einer Bühne stehen konnte, sondern dass er eine eigene künstlerische Idee besaß. Das Alien war vielleicht viele Lichtjahre entfernt, der Wunsch nach Selbstbestimmung dagegen sehr nah und ausgesprochen real.
Privates Bonusmaterial macht den Dreh wieder lebendig
Besonders wertvoll sind die zusätzlichen Aufnahmen zu 10.000 Lightyears, die Benjamin dem CITAFORUM aus seiner privaten Videosammlung zur Verfügung stellte. Solches Material war 1999 nicht dafür gedacht, wenige Minuten nach dem Dreh weltweit in sozialen Netzwerken zu erscheinen. Es lag auf Kassetten, wurde aufbewahrt und blieb häufig bei den Menschen, die selbst dabei gewesen waren. Dass diese Bilder heute gezeigt werden können, macht sie zu einer kleinen Zeitkapsel.
Gemeinsam mit dem fertigen Clip zu 10.000 Lightyears und dem „Blitzlicht“-Bericht ergeben die privaten Szenen drei unterschiedliche Perspektiven. Das Musikvideo erzählt die bewusst inszenierte Geschichte, der Fernsehbeitrag erklärt Idee und Produktion, während das Bonusmaterial jene Momente festhält, in denen noch gearbeitet, gewartet oder gelacht wurde. Erst zusammen vermitteln sie ein vollständigeres Gefühl für diesen Tag auf dem Teufelsberg.
Für langjährige Fans liegt darin eine besondere Nähe. Man sieht Benjamin nicht nur als Figur in einem ausgearbeiteten Konzept, sondern als Menschen während eines Übergangs: gerade aus einer erfolgreichen Band gekommen, voller Pläne für die eigene Musik und bereit, sich schmutzig ins Gras zu legen, wenn die Geschichte es verlangte. Das wirkt nicht wie ein makelloses Denkmal, sondern wie ein ehrlicher Ausschnitt aus einer Phase, in der vieles neu verhandelt wurde.
10.000 Lightyears blieb Benjamins zweite Solosingle, doch der Clip erzählt weit mehr als die Handlung einer Begegnung mit einem Alien. Er hält den Moment fest, in dem Benjamin Boyce seine eigene Stimme nicht nur musikalisch, sondern auch im übertragenen Sinn suchte. Er sprach offen über Selbstbestimmung, Beziehungen und Eloys Coming-out, entwickelte Song und Konzept selbst und wählte eine Bildwelt, die mit der vertrauten Boybandromantik bewusst brach.
Wenn wir heute das exklusive Bonusmaterial ansehen, dürfen wir deshalb ruhig über die Kuscheldecke, die ernsten FBI-Gesichter und Benjamins wenig glamourösen Platz im Gras schmunzeln. Gleichzeitig bleibt spürbar, wie viel dieser Dreh ihm bedeutete. Zwischen den alten Mauern des Teufelsbergs, dem Wind und der außerirdischen Geschichte entstand ein sichtbarer Neuanfang – eigenwillig, mutig und weit genug von den ewigen Liebesliedern entfernt.
Vielleicht ist genau das die schönste Erinnerung an 10.000 Lightyears: Benjamin wollte nicht so tun, als hätte es Caught in the Act nie gegeben, sondern herausfinden, wer er danach sein konnte. Das Ergebnis führt uns nicht nur zurück ins Jahr 1999, sondern auch hinter die Kulissen eines Künstlers, der seine Freiheit ausprobieren musste. Und manchmal beginnt eine solche Reise eben nicht mit einem großen Liebesversprechen, sondern mit einem Alien, einem Militärverhör und einer sehr dringend benötigten warmen Decke.
Clipdreh zu 10.000 Lightyears – Privates Bonusmaterial von Benjamin Boyce:
10.000 Lightyears – der fertige Videoclip:
Bericht von Sat1 Blitzlicht zum Clipdreh:
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