Benjamin Boyce & „Change“ – Als plötzlich alles anders wurde
Es gibt diese Momente, die sich für immer ins Teenie-Herz brennen. Einer davon war ganz klar 1998. Ich saß auf meinem Bett, umgeben von Bravo-Heften, Caught-in-the-Act-Postern und einem viel zu lauten Discman – und spürte, dass sich gerade etwas unwiderruflich veränderte. Benjamin Boyce war der Erste der vier CITA-Jungs, der nach der Trennung seinen eigenen Weg ging. Und dieser Weg hatte einen Namen: „Change“.
Schon der Albumtitel fühlte sich damals an wie ein kleiner Stich ins Herz. Veränderung. Das Wort wollten wir Teenies eigentlich gar nicht hören. Wir wollten, dass alles bleibt wie es war: dieselben Jungs, dieselben Songs, dieselben Poster über dem Bett. Aber Ben war mutig genug, genau das zu tun, wovor wir alle Angst hatten – er zog einen Schlussstrich.
1998 – Das Jahr, in dem unsere Boyband-Welt wackelte
Heute wissen wir: Die Trennung von Caught in the Act kam nicht aus dem Nichts. Aber damals? Für uns fühlte sie sich an wie Liebeskummer ohne Exfreund. Benjamin Boyce war der Erste, der öffentlich zeigte, dass hinter dem perfekten Boygroup-Lächeln mehr steckte als Glanz, Glamour und kreischende Fans.
Sein Soloalbum Change war kein lauter Neustart mit Knalleffekt, sondern eher ein leiser, ehrlicher Blick nach innen. Und genau das machte es so besonders. Es klang nicht nach „Jetzt zeig ich’s euch allen“, sondern nach „Ich muss das jetzt für mich tun“.
„Change“ – Ein Song, der mehr war als nur Musik
Der Titelsong „Change“ war kein typischer 90er-Pop-Ohrwurm, den man nebenbei hörte, während man Mathehausaufgaben machte. Er war nachdenklich. Ernst. Fast schon erwachsen. Und vielleicht genau deshalb so irritierend für viele Fans.
„Wenn es einem nicht gut geht, dann ist es wichtig, herauszufinden, was es ist, das einen unglücklich macht – und warum man sich so fühlt.“
Als Teenie habe ich diesen Satz noch nicht komplett verstanden. Aber ich habe gespürt, dass da jemand spricht, der nicht mehr nur eine Rolle spielt. Benjamin sang davon, den Mut zu haben, Dinge zu verändern, die einen unglücklich machen. Und rückblickend war „Change“ fast schon eine kleine Lebenslektion – verpackt in ein Lied, das man heimlich zehnmal hintereinander hörte.
Das LOGO-Interview – Ehrlicher als alles zuvor
Besonders hängen geblieben ist mir Benjamins Interview mit dem ZDF-Kindermagazin logo!. Klingt erstmal harmlos, oder? Aber genau dort sprach Benjamin offener als je zuvor über seine Zeit bei CITA. Der damalige Moderator Georg Bussek traf ihn in Köln – und plötzlich war da kein glattgebügelter Boygroup-Star mehr, sondern ein junger Mann im Zwiespalt.
Benjamin erzählte, dass er schon lange unglücklich gewesen sei, obwohl die Band extrem erfolgreich war. Und das war für uns Fans ein echter Aha-Moment. Erfolg bedeutete eben nicht automatisch Glück. Eine Erkenntnis, die wir in den 90ern eigentlich noch gar nicht kannten.
Erfolg vs. Selbstverwirklichung – ein Konflikt, den wir nicht sehen wollten
Rückblickend betrachtet war Benjamin Boyce einer der Ersten, der offen darüber sprach, wie sehr ihn die Einschränkungen des Boyband-Lebens belasteten. Er durfte nicht das machen, woran er wirklich glaubte. Seine Musik, seine Haltung, seine Persönlichkeit – alles musste in ein vorgegebenes Bild passen.
Und genau hier beginnt etwas, das wir als Teenies komplett ausgeblendet haben: Boygroups waren ein Business. Ein durchgeplantes Produkt. Gefühle? Bitte nur dosiert. Ecken und Kanten? Lieber nicht.
Benjamin passte da irgendwann nicht mehr rein. Und anstatt sich weiter zu verbiegen, zog er die Reißleine.
Der Beziehungs-Zwiespalt – Wenn Liebe geheim bleiben muss
Ein besonders krasser Punkt im Interview war für mich das Thema Beziehung. Benjamin erzählte offen, dass er seine Freundin verheimlichen musste. Das Management schrieb vor, dass er offiziell Single zu sein hatte. Für uns Fans damals selbstverständlich – heute einfach nur heftig.
Er beschrieb, wie Fans ihm Briefe schrieben, weil sie längst wussten, dass es eine Freundin gab. Und wie er ständig zwischen Wahrheit und Lüge wechseln musste:
Kameras aus? Ja, ich habe eine Freundin.
Kameras an? Nein, wir sind nur gute Freunde.
Diese Situation muss unfassbar belastend gewesen sein. Und sie erklärt im Nachhinein so vieles: die Unsicherheit, die Gerüchte, das diffuse Gefühl, dass „irgendwas nicht stimmt“. Wir Fans waren gespalten in diejenigen, die ahnten, was lief – und diejenigen, die alles glaubten, was Bravo & Co. druckten.
Warum „Change“ für viele Fans so schwer zu verdauen war
Für uns Teenies bedeutete Benjamins Veränderung auch Abschied. Abschied von einer Illusion. Von der Vorstellung, dass Boyband-Jungs immer glücklich sind, immer verfügbar, immer so bleiben wie auf den Postern.
„Change“ zwang uns – ob wir wollten oder nicht – erwachsener zu werden. Zu verstehen, dass auch unsere Idole Grenzen haben. Dass sie Entscheidungen treffen müssen, selbst wenn sie uns wehtun.
Vielleicht war genau das der Grund, warum dieses Album nie die gleiche Leichtigkeit hatte wie die CITA-Songs davor. Aber genau das macht es heute so wertvoll.
Heute betrachtet: Mutig, ehrlich, seiner Zeit voraus
Mit dem Abstand von so vielen Jahren sehe ich Benjamin Boyce mit ganz anderen Augen. Er war nicht der, der „zuerst gegangen ist“. Er war der, der sich selbst ernst genommen hat. Der gemerkt hat: Erfolg um jeden Preis ist kein echtes Glück.
„Change“ war kein einfacher Weg – weder für ihn noch für uns Fans. Aber es war ein ehrlicher. Und vielleicht genau deshalb ein so wichtiges Kapitel der 90er-Boyband-Geschichte.
Wenn du dir selbst ein Bild machen möchtest: Das Interview von Benjamin Boyce bei LOGO ist bis heute ein spannendes Zeitdokument. Man sieht einen jungen Mann, der zwischen Pflichtgefühl, Dankbarkeit und innerer Zerrissenheit steht – und genau deshalb so echt wirkt.
Benjamin Boyce im Interview mit LOGO 1999:
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Kannst du aus heutiger Sicht nachvollziehen, in welchem Zwiespalt Benjamin damals steckte? Hättest du an seiner Stelle genauso gehandelt?
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