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Als VIVA unseren Nachmittag regierte

Wenn wir nach der Schule die Tasche in die Ecke stellten und den Röhrenfernseher einschalteten, begann ein zweiter, deutlich aufregenderer Stundenplan. VIVA in den 90ern war kein beiläufiges Hintergrundprogramm, sondern unser Zugang zu Musikvideos, Mode, Stars und einer Popwelt, die plötzlich direkt im Jugendzimmer landete. Wir warteten, hofften, diskutierten und hielten vorsichtshalber eine leere Videokassette bereit, weil der Lieblingsclip natürlich immer genau dann lief, wenn niemand damit rechnete.

Der Fernseher wurde zum Treffpunkt

Ein typischer Nachmittag begann mit dem dumpfen Klacken des Fernsehknopfs und diesem kurzen, flirrenden Moment, bevor das Bild erschien. Der Schulranzen stand noch ungeöffnet neben dem Schreibtisch, während wir uns auf den Teppich setzten, als würde gleich eine Premiere stattfinden. Vielleicht war eine Freundin dabei, vielleicht hing man gleichzeitig am Telefon und kommentierte jede Moderation, doch allein fühlte man sich selten. Auf dem Bildschirm lief dieselbe Musik, über die am nächsten Morgen auf dem Pausenhof gesprochen wurde, und damit war das Jugendzimmer für ein paar Stunden Teil eines viel größeren Gesprächs.

Musikfernsehen hatte eine eigene Dramaturgie. Zwischen Clips kamen Moderationen, kleine Nachrichten, Charts und Zuschauerwünsche, und selbst wenn uns nicht alles interessierte, blieben wir dran, weil jederzeit etwas Wichtiges passieren konnte. Ein neuer Look, eine Tourankündigung oder ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview reichte, um den nächsten Schultag mit Gesprächsstoff zu versorgen. Wer zufällig im richtigen Moment eingeschaltet hatte, besaß eine Information, die sich in der Pause mit erstaunlicher Geschwindigkeit verbreitete.

Manchmal wurden solche Nachmittage zu ungeplanten kleinen Fan-Treffen. Eine Freundin kam angeblich nur kurz vorbei, setzte sich dann aber mit Jacke auf den Teppich, weil gerade die Charts begannen. Aus fünf Minuten wurde eine Stunde, die Hausaufgaben wanderten gemeinsam ans Ende der Prioritätenliste, und plötzlich standen zwei Gläser Limonade neben dem Fernseher. Wir kommentierten Kleidung, Bühnenbilder und jede noch so kleine Geste, als säßen wir in einer fachkundigen Jury. Dass unsere Urteile gelegentlich davon abhingen, wie attraktiv wir jemanden fanden, beeinträchtigte aus unserer Sicht keineswegs ihre wissenschaftliche Qualität.

Natürlich gab es in Familien nur selten einen Fernseher pro Person. Das bedeutete Verhandlungen mit Geschwistern, die aus unerklärlichen Gründen lieber eine Serie, Sport oder irgendeine Sendung sehen wollten, die mit unserem musikalischen Überleben nichts zu tun hatte. Fernbedienungen wurden verteidigt, Zeitfenster ausgehandelt und elterliche Hinweise auf Hausaufgaben mit dem Satz beantwortet, der Clip dauere wirklich nur noch drei Minuten. Dass danach sofort der nächste unverzichtbare Beitrag begann, war höhere Gewalt.

VIVA in den 90ern verlangte Geduld

Heute wählen wir einen Song aus und er beginnt. Damals wählten wir höchstens unsere Hoffnung aus. Wer einen bestimmten Clip sehen wollte, musste warten, manchmal eine halbe Stunde, manchmal einen ganzen Nachmittag, und ausgerechnet beim Gang in die Küche konnte der lang ersehnte Anfang laufen. Deshalb wurden Snacks strategisch vorbereitet und Toilettenpausen auf Moderationen gelegt. Diese Geduld war nicht immer würdevoll, doch sie verwandelte einen dreiminütigen Musikclip in ein Ereignis, das sich wie eine kleine Belohnung anfühlte.

Besonders intensiv wurde es, wenn ein Song in einer Wunschsendung oder Chartliste auftauchen sollte. Wir lauschten den Ankündigungen, rechneten Plätze hoch und entwickelten Theorien darüber, wann unser Favorit endlich an der Reihe war. VIVA in den 90ern machte aus passivem Fernsehen eine Mischung aus Fanclubtreffen und sportlichem Wettbewerb. Stieg ein Lied, fühlte sich das persönlich verdient an; fiel es, lag das selbstverständlich an allen anderen, die offenbar falsch abgestimmt hatten.

Neben dem Videorekorder lag oft eine Kassette mit genügend freiem Platz, doch die Technik hatte ihren eigenen Humor. Man drückte zu spät auf Aufnahme, erwischte noch den letzten Satz der Moderation oder stellte hinterher fest, dass jemand die Kassette nicht zurückgespult hatte. Noch schlimmer war ein bereits beschriftetes Familienvideo, das auf keinen Fall überspielt werden durfte. Wer dennoch eine perfekte Aufnahme schaffte, bewahrte sie auf wie ein selbst produziertes Musikarchiv und spulte besonders geliebte Stellen so oft zurück, bis das Band erste Ermüdungserscheinungen zeigte.

Das Warten hatte einen Nebeneffekt, den wir damals kaum bemerkten: Wir sahen Musik, die wir nicht selbst ausgewählt hätten. Zwischen Boybands, Dance-Pop und Balladen liefen Gitarren, Hip-Hop, elektronische Experimente oder schräge Videos, die zunächst irritierten und drei Wochen später plötzlich großartig waren. Der Fernseher führte uns durch eine gemeinsame Poplandschaft, in der Überraschungen möglich blieben. Nicht jeder Clip gefiel uns, aber selbst die ungeliebten Refrains kannten wir irgendwann auswendig.

Buchtipp: 90er Reloaded – VIVA, Boygroups & Me

Wusstest du, dass VIVA-Moderator Mola Adebisi ein Buch über sein Zeit in den 90ern geschrieben hat?

Die 90er – das Kultjahrzehnt ist angesagt wie nie. Also zieht eure Neonklamotten an, kreppt euch die Haare und begleitet Mola Adebisi auf seiner Reise zurück in die Zeiten von Discman, Gameboy, Tamagochi – und natürlich VIVA! Denn als Moderator der ersten Stunde war Käpt’n Mola mitten drin und erzählt gewohnt offen von seinem Weg vom Breakdancer, Hip-Hopper, Rapper zu einem der erfolgreichsten Moderatoren des Musiksenders, seinen coolsten Interviews, kleinen Patzern in Sendungen und auf Reisen und bleibenden Eindrücken. ▪ VIVA – Nicht nur ein Sender, sondern ein Gefühl! ▪ Boygroups – Ein Phänomen der 90er: Take That, Worlds Apart, East 17, Caught in the Act, NSYNC, Backstreet Boys … ▪ Janet Jackson, Lenny Kravitz, Toni Cottura – Erlebt die 90er live durch Molas Augen!

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Musikvideos lieferten Mode und Gesprächsstoff

Ein Musikvideo war zugleich Kurzfilm, Modenschau und Frisurenberatung. Wir achteten auf Plateauschuhe, glänzende Stoffe, Haarsträhnen und Make-up, obwohl vieles im echten Schulalltag nur eingeschränkt praktikabel war. Am nächsten Tag wurde ausprobiert, was sich mit dem Inhalt des eigenen Kleiderschranks nachbauen ließ. Das Ergebnis war selten identisch mit dem Bildschirm, aber häufig mutig, und Mut bedeutete in den Neunzigern gelegentlich, mehrere Kunstfasern gleichzeitig zu tragen.

Besonders einprägsam waren Videos, die eine ganze Geschichte erzählten. Drei oder vier Minuten reichten für große Liebe, dramatische Trennung, Regen, Zeitlupe und einen Blick in die Ferne, den wir später vor dem Spiegel diskret übten. Die Handlung wurde mit Freundinnen besprochen, als handele es sich um einen abendfüllenden Kinofilm. Manche Szenen verstanden wir nicht ganz, was sie nur interessanter machte, denn Unklarheit ließ Raum für Theorien. So lernten wir nebenbei, dass Popmusik nicht nur gehört, sondern mit Farben, Bewegungen und Bildern erinnert wird.

Auch Tanzschritte wurden aufmerksam studiert. Eine Choreografie sah in einem professionellen Studio mühelos aus und verwandelte sich im engen Jugendzimmer schnell in eine Begegnung mit Bettkante, Schreibtischstuhl oder Deckenlampe. Trotzdem übten wir weiter, Haarbürste in der Hand, Spiegel als Publikum und eine Ernsthaftigkeit im Gesicht, die heute nur deshalb lustig ist, weil glücklicherweise kaum jemand eine Kamera dabeihatte. Unsere besten Auftritte verschwanden nach dem letzten Refrain, und dafür dürfen wir der analogen Zeit dankbar sein.

Für viele schwule Jugendliche öffnete Musikfernsehen zugleich ein Fenster zu Ausdrucksformen, Stilen und Persönlichkeiten, die im eigenen Umfeld vielleicht kaum sichtbar waren. Ein Künstler, eine Moderation oder ein ungewöhnliches Video konnte das Gefühl vermitteln, dass es außerhalb des vertrauten Alltags mehr Möglichkeiten gab, sich zu kleiden, zu bewegen und zu leben. Nicht jede Erkenntnis wurde sofort ausgesprochen, doch manches Bild blieb, weil es eine Freiheit zeigte, nach der man sich bereits sehnte, bevor man sie benennen konnte.

Moderierende Personen gehörten ebenfalls zu diesem Kosmos. Ihre Sprache wirkte näher als die förmliche Welt vieler anderer Fernsehsendungen, ihre Kleidung diskutierbar und ihre Studios so, als könne man dort theoretisch selbst einmal auftauchen. VIVA in den 90ern fühlte sich dadurch weniger wie Fernsehen für Erwachsene und mehr wie ein Raum an, der unsere Themen ernst nahm, selbst wenn diese Themen aus Sicht der Eltern hauptsächlich aus Frisuren, Charts und einer bemerkenswerten Anzahl attraktiver Menschen bestanden.

Warum uns diese Nachmittage fehlen

Was uns heute berührt, ist nicht nur die Musik, sondern die gemeinsame Zeitstruktur. Ein Clip lief für alle zur selben Zeit, eine Sendung hatte einen Anfang, und wer sie verpasste, musste auf eine Wiederholung hoffen. Diese Begrenzung war manchmal frustrierend, schuf aber gemeinsame Momente. Am nächsten Morgen wussten viele genau, welcher Auftritt gemeint war, weil sie ihn ebenfalls gesehen hatten. Popkultur fühlte sich wie ein großer Raum an, in dem wir gleichzeitig saßen.

Dabei waren diese Nachmittage keineswegs perfekt. Das Bild rauschte, der Empfang schwankte, Videokassetten fraßen Bandsalat und die interessanteste Information kam garantiert dann, wenn jemand aus der Küche rief. Gerade diese kleinen Störungen haben sich jedoch mit der Erinnerung verbunden. Wir mussten aufstehen, die Antenne korrigieren oder den Fernseher an einer ganz bestimmten Stelle berühren, als besäße das Gerät dort einen geheimen Beruhigungsknopf. Technik war weniger elegant, aber deutlich gesprächiger.

Wenn heute jeder Song jederzeit verfügbar ist, gewinnen wir Freiheit und verlieren ein wenig von der Vorfreude. Wir müssen keinen Nachmittag mehr opfern, um einen Clip zu erwischen, und niemand möchte ernsthaft zu Bandsalat zurückkehren. Trotzdem fehlt manchmal dieses Kribbeln, wenn die ersten Sekunden eines lange erwarteten Videos begannen und im Zimmer sofort Ruhe herrschte. Aufmerksamkeit war damals nicht automatisch besser, aber in solchen Momenten bündelte sie sich vollständig auf einen Bildschirm.

Vielleicht fehlt uns außerdem die Zufälligkeit. Wir entschieden nicht vorab, welche zehn Clips perfekt zu unserer Stimmung passten, sondern nahmen ein Programm an, das uns auch langweilen, überraschen oder überzeugen durfte. Ein Lied, das beim ersten Mal störte, wurde durch häufige Wiederholung vertraut und landete irgendwann doch auf einer selbst aufgenommenen Kassette. Geschmack durfte wachsen, weil wir nicht bei jedem Refrain sofort weiterwischten. Natürlich schalteten wir gelegentlich um, aber die Fernbedienung kannte noch keine endlose Welt maßgeschneiderter Alternativen, und das machte unsere musikalischen Nachbarschaften erstaunlich bunt.

Unsere Erinnerungen an VIVA in den 90ern sind deshalb auch Erinnerungen an Freundschaften. Wir telefonierten nach einem Auftritt, diskutierten Favoriten und planten, welche Poster oder CDs als Nächstes gebraucht wurden. Musik war eine Sprache, mit der sich Zugehörigkeit zeigen ließ, und ein Lieblingsstar konnte innerhalb weniger Minuten aus zwei Sitznachbarinnen Verbündete machen. Selbst Meinungsverschiedenheiten hatten Charme, solange niemand ernsthaft behauptete, unser Favorit könne nicht singen. Solche Debatten wurden mit großer Leidenschaft geführt und waren am nächsten Morgen meistens vergessen, sobald wieder ein neuer Song Gesprächsstoff lieferte.

Vielleicht war Musikfernsehen vor allem deshalb so mächtig, weil es genau zwischen Kindheit und Erwachsensein auftauchte. Wir saßen noch auf dem Teppich, doch auf dem Bildschirm sahen wir die große Welt; wir mussten noch fragen, ob wir länger aufbleiben durften, entwickelten aber längst einen eigenen Geschmack. Zwischen Hausaufgabenheft und Videokassette probierten wir aus, wer wir sein wollten, und ließen uns von Songs begleiten, die bis heute innerhalb weniger Takte ganze Räume der Erinnerung öffnen.

Wenn ich heute an diese Nachmittage denke, höre ich das Klacken des Fernsehers, sehe das kurze Flimmern und spüre wieder die Hoffnung, dass gleich genau unser Lied kommt. VIVA in den 90ern machte aus Warten ein Ritual und aus Musikvideos kleine Fenster in eine aufregendere Welt. Wir konnten nicht vorspulen, auswählen oder nebenbei alles speichern, aber wir waren da, wenn der Moment kam. Vielleicht liegt genau darin die Wärme dieser Erinnerung: Für drei Minuten war der Lieblingssong nicht verfügbar, sondern wirklich passiert.

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