Unser Teenie-Zimmer der 90er war die ganze Welt
Wenn ich an das Teenie-Zimmer der 90er denke, höre ich zuerst dieses ganz bestimmte Geräusch: die Tür, die mit einer Mischung aus Entschlossenheit und beleidigter Würde ins Schloss fiel, nachdem irgendein Erwachsener etwas vollkommen Unzumutbares gesagt hatte, zum Beispiel, dass man vor dem Abendessen noch den Müll hinunterbringen solle. Hinter dieser Tür begann unser eigenes Reich, ein paar Quadratmeter groß, dekoriert mit Postern, deren Ecken sich trotz Klebestreifen immer wieder lösten, und erfüllt von dem Gefühl, dass hier drin gerade die wirklich wichtigen Dinge des Lebens passierten. Draußen konnten Steuererklärungen, Nachrichten und Gartenzäune existieren; drinnen ging es darum, ob die neue Frisur mutig oder eine soziale Katastrophe war, ob der Lieblingssong rechtzeitig aus dem Radio aufgenommen werden würde und ob dieser eine Mensch aus der Parallelklasse vielleicht zufällig dreimal in unsere Richtung geschaut hatte.
Es war kein Zimmer, das eine Einrichtungsexpertin jemals als stimmig bezeichnet hätte, und gerade deshalb war es so vollkommen. Farben trafen aufeinander, die nach heutiger Auffassung dringend eine Paartherapie gebraucht hätten, auf dem Schreibtisch lagen Schulhefte unter Briefpapier-Sets, Haarspangen und halb vollen Nagellackfläschchen begraben, und irgendwo stand immer eine Tasse, deren Inhalt besser nicht mehr naturwissenschaftlich untersucht wurde. Trotzdem konnte jeder Gegenstand eine Geschichte erzählen, denn unser Zimmer war nicht gekauft wie eine fertige Kulisse, sondern über Jahre zusammengetragen, ertauscht, erbettelt und mit erstaunlich viel Tesafilm in Form gehalten.
Posterwände, die mehr wussten als wir
Die Wand über dem Bett war kein freier Raum, sondern eine öffentliche Erklärung unserer jeweiligen Lebensphase, denn im Teenie-Zimmer der 90er hing dort, wer gerade musikalisch, modisch oder romantisch zuständig war, sorgfältig aus Zeitschriften gelöst oder als großes Poster mit ehrfürchtiger Vorsicht entfaltet. Die Auswahl konnte sich innerhalb weniger Monate dramatisch verändern. Ein Boygroup-Mitglied, dem wir im Frühjahr noch ewige Treue geschworen hatten, wurde im Herbst vielleicht von einer Sängerin mit bauchfreiem Top, glänzendem Lippenstift und einem Selbstbewusstsein verdrängt, das wir selbst dringend gebrauchen konnten. Die alten Klebestreifen blieben als kleine archäologische Spuren zurück und erzählten von vergangenen Schwärmereien, als wären sie die Jahresringe unserer Pubertät.
Besonders wertvoll waren jene Poster, die aus einer BRAVO stammten und über mehrere Seiten verteilt waren. Man musste sie mit einer Genauigkeit zusammensetzen, die sonst nur bei Herzoperationen erwartet wurde, und natürlich passten die Kanten nie ganz perfekt. Eine Stirn hatte plötzlich eine feine Falte, ein Hemdärmel einen kaum erklärbaren Sprung, doch aus einem Meter Entfernung wirkte alles großartig. Wer beim Aufhängen eine Reißzwecke mitten durch ein Gesicht setzte, lebte gefährlich; wer Tesafilm verwendete, riskierte beim nächsten Umzug den Verlust einer Ecke. Wir entwickelten dabei praktische Fähigkeiten, die in keinem Schulzeugnis auftauchten, darunter Improvisation, Geduld und die Fähigkeit, eine schiefe Linie so lange anzusehen, bis sie gerade wirkte.
Natürlich wurden manche Poster gelegentlich geküsst, auch wenn wir das heute nur unter strengster Vertraulichkeit zugeben. Andere dienten als stumme Gesprächspartner, wenn die beste Freundin gerade nicht erreichbar war und die Welt sich wieder einmal weigerte, unsere Gefühle angemessen ernst zu nehmen. Diese Wand kannte die heimlichen Favoriten, die peinlichen Übergangsphasen und auch die Momente, in denen wir beschlossen, plötzlich erwachsen und geheimnisvoll zu wirken. Dafür wurde dann vielleicht ein Schwarz-Weiß-Bild aufgehängt, während daneben weiterhin ein rosafarbener Plüschbilderrahmen stand. Konsequenz war nicht unsere Stärke, aber Atmosphäre konnten wir.
Das Teenie-Zimmer der 90er hatte seinen eigenen Sound
Im Mittelpunkt vom Teenie-Zimmer der 90er stand häufig eine Stereoanlage, die je nach Familienbudget beeindruckend groß oder charmant kompakt ausfiel, aber in jedem Fall behandelt wurde wie ein technisches Heiligtum. Kassetten lagen in Hüllen, deren kleine Einleger mit winziger Schrift beschriftet waren, und jede selbst aufgenommene Mischung trug einen Namen, der unsere damalige Gefühlslage diskret verschleiern sollte. „Sommer Mix 3“ konnte bedeuten, dass wir glücklich verliebt waren, unglücklich verliebt waren oder noch nie mit der betreffenden Person gesprochen hatten. Entscheidend war allein die Reihenfolge der Songs, denn ein falscher Übergang konnte eine ganze Stimmung ruinieren.
Songs aus dem Radio aufzunehmen war eine Disziplin zwischen Ausdauertraining und Glücksspiel. Wir saßen mit dem Finger auf der Aufnahmetaste, lauschten den Moderatoren und hofften inständig, dass sie diesmal nicht bis in die erste Strophe hineinreden würden. Natürlich taten sie es fast immer. Dann begann das Lied mit einem fröhlichen „Und jetzt ganz neu…“, das sich für alle Ewigkeit in unsere Aufnahme brannte. Trotzdem hörten wir diese Kassetten so oft, bis das Band gelegentlich müde klang oder sich im Rekorder verhedderte. Ein Bleistift wurde dann zum Reparaturwerkzeug, und wir wickelten die Kassette mit einer Ruhe zurück, die wir bei den Hausaufgaben nie aufbrachten.
Später glänzten CDs im Regal wie kleine Kostbarkeiten. Das Booklet wurde gelesen, betrachtet und weitergereicht, manchmal so intensiv, dass wir den Dankeslisten der Künstler mehr Aufmerksamkeit schenkten als dem Unterrichtsstoff des nächsten Tages. Wer einen CD-Player mit programmierbarer Titelfolge besaß, fühlte sich kurz wie die Leitung eines eigenen Radiosenders. Musik war nicht bloß Hintergrund, sondern ein Möbelstück unserer inneren Welt: Sie füllte das Zimmer, machte aus Nachmittagen Filmszenen und verlieh selbst dem Aufräumen einen dramatischen Soundtrack, auch wenn das Aufräumen nach dem zweiten Lied meistens zugunsten einer Tanzpause aufgegeben wurde.
Wenn VIVA oder MTV auf dem kleinen Fernseher liefen, bekam das Zimmer zusätzlich Bewegung. Wir warteten auf Musikvideos, diskutierten Looks und versuchten Tanzschritte nachzumachen, für die weder der Teppich noch unsere räumlichen Verhältnisse vorgesehen waren. Ein Bettpfosten konnte dabei zum Mikrofonständer werden, eine Haarbürste zum Mikrofon und der Spiegel zur geduldigsten Zuschauerschaft der Welt. Niemand filmte diese Auftritte, niemand lud sie hoch, und dieser Gedanke ist im Rückblick ausgesprochen beruhigend.
Festnetzdramen und geheime Gespräche
Das Telefon war die Verbindung nach draußen, allerdings selten eine private, und im Teenie-Zimmer der 90er besaß es deshalb beinahe die Bedeutung einer geheimen Funkstation. Wer ein eigenes Gerät im Zimmer hatte, fühlte sich privilegiert, doch selbst dann hing das Kabel meist an einer Leitung, die von der gesamten Familie überwacht werden konnte, zumindest theoretisch. In vielen Haushalten stand das Telefon im Flur, und wir entwickelten erstaunliche Strategien, um mit dem Hörer und einem möglichst langen Spiralkabel hinter einer Tür zu verschwinden. Jedes Gespräch begann mit der leisen Hoffnung, dass niemand mithörte, und endete häufig mit dem Ruf, man möge die Leitung endlich freigeben.
Verabredungen wurden nicht mit einem schnellen Tippen organisiert. Man rief an, sprach vielleicht zuerst mit einem Elternteil und musste in Sekundenbruchteilen seriös, freundlich und vollkommen harmlos klingen. Danach konnte das Gespräch zwei Stunden dauern, obwohl man sich am selben Morgen in der Schule gesehen hatte. Es gab schließlich Neuigkeiten auszuwerten: Blicke, Pausenhofbegegnungen, Frisuren, Gerüchte und die genaue Bedeutung eines beiläufigen „Bis morgen“. Wir zerlegten diese zwei Worte mit einer analytischen Tiefe, für die andere Menschen Forschungsstipendien erhalten.
Wenn der eigene Schwarm anrief, verwandelte sich das Zimmer in eine Hochsicherheitszone. Geschwister wurden mit Blicken vertrieben, die Gardinen geschlossen, und plötzlich wusste man nicht mehr, wohin mit den Händen, obwohl die andere Person einen gar nicht sehen konnte. Gleichzeitig musste man lässig wirken und durfte keinesfalls zu schnell ans Telefon gehen. Zwei Klingelzeichen galten als interessiert, aber nicht verzweifelt; vier Klingelzeichen waren souverän, konnten jedoch dazu führen, dass jemand anders abhob. Teenagersein bestand zu einem erheblichen Teil darin, Regeln zu befolgen, die niemand aufgeschrieben hatte und die sich täglich änderten.
Gerade weil Kommunikation nicht ständig verfügbar war, hatten Gespräche ein eigenes Gewicht. Wenn aufgelegt wurde, war wirklich aufgelegt. Danach lag man auf dem Bett, starrte an die Decke und ließ jedes Wort noch einmal vorbeiziehen. Es gab keinen Online-Status, keine blauen Häkchen und keine Möglichkeit, in drei Sekunden nachzufragen, ob etwas „komisch gemeint“ gewesen sei. Das machte manches schwerer, anderes aber auch zarter, denn Vorfreude bekam Zeit, sich auszubreiten, und Erinnerungen mussten im Kopf bleiben, statt sofort in einem Chatverlauf zu verschwinden.
Warum dieses kleine Reich bis heute nachwirkt
Das Teenie-Zimmer der 90er war gleichzeitig Umkleidekabine, Tanzfläche, Kummerkasten, Redaktionsbüro und Versuchslabor. Vor dem Spiegel entstanden Frisuren, die mit großzügigen Mengen Haarspray gegen Naturgesetze verteidigt wurden. Plateauschuhe warteten neben Turnschuhen, ein viel zu großer Pullover lag über einem Stuhl, und in irgendeiner Schublade befanden sich glitzernde Accessoires, die wir für dezent hielten. Freundinnen saßen im Schneidersitz auf dem Teppich, probierten Lippenstifte und sprachen über die Zukunft, als wäre sie eine Stadt, in die wir schon am nächsten Wochenende fahren könnten.
Auch für viele schwule Teenager war das eigene Zimmer ein besonders wichtiger Zwischenraum: ein Ort, an dem Sehnsüchte, Vorbilder und erste vorsichtige Gewissheiten existieren durften, bevor sie außerhalb dieser vier Wände ausgesprochen werden konnten. Ein Lied, ein Star, eine Zeitschriftenseite oder eine Fernsehmoderation konnte plötzlich eine Tür im Kopf öffnen und das beruhigende Gefühl vermitteln, mit den eigenen Gedanken nicht allein zu sein. Nicht jedes Zimmer war sicher und nicht jede Jugend unbeschwert, doch gerade deshalb konnten diese privaten Quadratmeter eine leise Form von Freiheit bedeuten.
Wir konnten dort Rollen ausprobieren, ohne sofort eine dauerhafte Marke aus uns selbst machen zu müssen. Heute wird jede Phase fotografiert, gespeichert und möglicherweise Jahre später von einem Algorithmus wieder hervorgeholt. Unsere missglückten Augenbrauen, eigenwilligen Kombinationen und dramatischen Tanzchoreografien existieren dagegen hauptsächlich in der Erinnerung einiger weniger Menschen, die hoffentlich loyal bleiben. Das ist vielleicht einer der größten Luxusartikel der 90er: Wir durften peinlich sein, ohne dass Peinlichkeit ein digitales Archiv bekam.
War unsere Teenie-Zeit deshalb besser als heute? Wahrscheinlich war sie nicht grundsätzlich besser, nur anders, langsamer und in manchen Momenten herrlich unbeobachtet. Wir mussten warten, suchen, anrufen und improvisieren, was uns regelmäßig wahnsinnig machte und zugleich dafür sorgte, dass kleine Dinge groß werden konnten. Eine neue CD war ein Ereignis, ein Anruf eine Geschichte, ein Poster eine Entscheidung und ein Nachmittag mit der besten Freundin ein ganzer Kosmos. Unsere Welt hatte weniger Bildschirme, aber keineswegs weniger Drama; sie hatte nur den Vorteil, dass sich das Drama meistens hinter einer geschlossenen Zimmertür abspielte.
Wenn ich heute an dieses Teenie-Zimmer der 90er zurückdenke, sehe ich keine perfekte Einrichtung. Ich sehe Sonnenlicht auf einer unaufgeräumten Bettdecke, höre das Klacken einer Kassette und spüre dieses eigenartige Gemisch aus Unsicherheit und grenzenloser Erwartung, das nur Jugendliche so vollständig bewohnen können. Wir wussten noch nicht, wer wir werden würden, also probierten wir es zwischen Posterwand und Schreibtisch jeden Tag neu aus. Vielleicht berührt uns die Erinnerung deshalb so sehr: Dieses Zimmer war klein, doch in ihm hatte alles Platz, was wir liebten, fürchteten, erhofften und noch nicht in Worte fassen konnten. Und sobald die Tür ins Schloss fiel, gehörte die ganze Welt für einen Moment nur uns.
Eloy de Jong blickt auf ein Leben zurück, das berührt, inspiriert und zeigt, wie viel Stärke in einem Menschen stecken kann. Seine neue Biografie zeichnet seinen Weg vom Kind aus Den Haag, das in der Schule häufig aneckte, bis hin zu einem der erfolgreichsten Schlagerkünstler Deutschlands nach – und erzählt dabei von all den Momenten, die ihn geprägt haben.
Das Buch nimmt dich mit zu seinen ersten Jahren als Tänzer, den Zeiten des Zweifelns und der Ausgrenzung und natürlich zu dem Tag, an dem er beim Casting für Caught in the Act sein Leben für immer veränderte. Aber auch die weniger glamourösen Seiten kommen vor: frühe Misserfolge, der Druck des Ruhms, das Ende der Boyband und die Suche nach einer neuen Richtung.
Besonders bewegend sind die Kapitel über seine bedeutenden Beziehungen – unter anderem zu Stephen Gately und Carlo Boszhard – sowie über seinen größten privaten Wegabschnitt: das Leben als Teil einer Regenbogenfamilie, die Geburt der Zwillinge und der schmerzhafte Abschied von Milon.
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