Unsere Schuhe wollten ganz nach oben
Wenn ich an Plateauschuhe in den 90ern denke, höre ich zuerst dieses dumpfe, entschlossene Geräusch auf dem Schulflur, eine Mischung aus Modeansage und kontrolliertem Baustellenbetrieb. Jeder Schritt hatte Gewicht, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, denn wer morgens in mehrere Zentimeter Sohle stieg, verließ das Haus nicht einfach nur angezogen, sondern mit einer Haltung, die irgendwo zwischen Popstar, Mutprobe und der stillen Hoffnung lag, auf der Treppe bitte nicht beobachtet zu werden. Unter weiten Jeans blitzten weiße oder schwarze Sohlen hervor, die Schnürsenkel mussten perfekt sitzen, und wenn man endlich aufrecht stand, wirkte die Welt für einen Augenblick tatsächlich ein wenig kleiner.
Natürlich waren diese Schuhe nicht vernünftig, doch Vernunft war in unserer Teenie-Garderobe ohnehin eher eine entfernte Verwandte, die nur zu Familienfeiern auftauchte. Plateauschuhe in den 90ern passten zu einer Zeit, in der wir Musikvideos nicht nebenbei wegwischten, sondern genau studierten, Frisuren aus Zeitschriften nachbauten und mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit darüber diskutierten, welche Hosenweite noch als Schlaghose galt. Die Schuhe gaben uns Höhe, aber vor allem gaben sie uns eine Figur für den Tag: ein bisschen lauter, ein bisschen sichtbarer und vielleicht mutiger, als wir uns ohne sie fühlten.
Plateauschuhe in den 90ern: Mode mit Gewicht
Schon das Anziehen war ein kleines Ritual, denn diese Schuhe ließ man nicht beiläufig über den Fuß gleiten. Man setzte sich auf die Bettkante, zog die Zunge gerade, lockerte mehrere Reihen Schnürsenkel und arbeitete sich konzentriert nach oben, während im Hintergrund eine Kassette lief oder das Radio den neuesten Popsong spielte. War alles fest, folgte der erste Probeschritt durchs Zimmer, vorbei an Posterwand, Kassettenregal und jener Kommode, auf der Haarspray, Lipgloss und Haarspangen in friedlichem Chaos lebten. Das Ergebnis fühlte sich spektakulär an: Die Beine wirkten länger, die Schlaghose fiel plötzlich richtig, und der Spiegel zeigte eine Version von uns, die offenbar jederzeit in einem Musikvideo gebraucht werden konnte.
Die Sohlen waren breit, oft geriffelt und manchmal so auffällig, dass der Rest des Outfits kaum noch eine Chance hatte. Weiße Plateausneaker wirkten sportlich, obwohl man darin selten freiwillig Sport gemacht hätte, während schwarze Schnürstiefel ein wenig rebellischer aussahen und selbst einer braven Bluse eine neue Biografie verliehen. Dazu kamen Modelle mit glitzernden Einsätzen, Lackdetails oder Farben, die im Kaufhauslicht leuchteten wie ein Versprechen. Wir wussten, dass nicht jeder Erwachsene begeistert war, doch genau darin lag ein Teil des Reizes; Mode musste damals nicht bloß gefallen, sie sollte anzeigen, dass wir unseren eigenen Geschmack gerade mit voller Lautstärke ausprobierten.
Der Preis war für viele ein ernstes Thema, weshalb Katalogseiten markiert, Taschengeld zurückgelegt und Geburtstagswünsche sehr präzise formuliert wurden. Wer ein begehrtes Paar bekam, behandelte den Karton zunächst wie eine Schatztruhe und die Schuhe anschließend wie ein Familienmitglied mit Sonderstatus. Regen war eine Bedrohung, Schlamm eine persönliche Beleidigung, und ein Kratzer in der hellen Sohle konnte den Nachmittag kurzzeitig verdunkeln. Gleichzeitig wollten wir sie natürlich überall tragen, denn ein Modeobjekt, das im Schrank geschont wurde, konnte auf dem Schulhof keine Bewunderung auslösen. Zwischen Pflege und Vorzeigen entstand jene wunderbare Teenagerlogik, nach der kostbare Dinge unbedingt benutzt werden mussten, aber niemals Gebrauchsspuren bekommen durften.
Der Schulflur wurde zum heimlichen Laufsteg
Auf dem Weg zur Schule zeigte sich, dass ein Outfit im Schlafzimmer und dasselbe Outfit an einer Bushaltestelle zwei völlig verschiedene Lebensformen waren. Kopfsteinpflaster, Bordsteinkanten und der kleine Sprint zum Bus entwickelten mit hoher Sohle überraschend sportliche Qualitäten. Im Bus suchte man einen Platz, ohne mit dem breiten Schuh einem Rucksack oder fremden Fuß zu nahe zu kommen, und beim Aussteigen war Würde wichtiger als Geschwindigkeit. Trotzdem erreichten wir das Schultor mit dem Gefühl, einen Auftritt zu haben, denn Plateauschuhe in den 90ern konnten sogar einem grauen Montagmorgen einen Hauch von Popvideo geben.
Der Schulflur selbst war die eigentliche Bühne. Dort hörte man die Sohlen auf Linoleum, sah die Blicke der Freundinnen und bemerkte sofort, wer ein neues Paar trug. Komplimente wurden scheinbar lässig verteilt, obwohl jedes Detail längst registriert war: die Farbe, die Höhe, die Kombination mit der Hose und natürlich die Frage, ob die Schuhe bequem seien. Auf diese Frage antworteten wir mit einer Überzeugung, die medizinischen Tatsachen nur begrenzten Raum ließ. Selbst wenn die Ferse drückte und die Zehen nach der dritten Stunde einen Betriebsrat gründen wollten, hieß es, die Schuhe seien total bequem und müssten lediglich noch ein bisschen eingelaufen werden.
Treppen verlangten besondere Konzentration. Bergauf hob man die Füße höher als gewohnt, bergab hielt man sich unauffällig am Geländer fest und führte nebenbei ein Gespräch, um den Vorgang wie pure Eleganz aussehen zu lassen. Besonders aufregend wurde es, wenn der heimliche Schwarm in der Nähe war, weil plötzlich jeder Schritt eine Prüfung darstellte. Stolpern war keine Option, hektisches Rudern mit den Armen aber ebenfalls nicht. Dass wir trotzdem meistens heil ankamen, gehört zu den unterschätzten Leistungen unserer Jugend und hätte rückblickend mindestens eine Bemerkung im Sportzeugnis verdient.
Schlaghosen, Girlpower und unsere Popstar-Pläne
Plateauschuhe lebten selten allein; sie brauchten Schlaghosen, die fast bis zum Boden reichten und beim Gehen möglichst dramatisch mitschwingen sollten. War die Hose zu kurz, entstand jener unbeabsichtigte Blick auf die gesamte Sohle, der in unserer damaligen Modeordnung streng beurteilt wurde. War sie zu lang, sammelte der Saum Regenwasser, Straßenstaub und kleine Erinnerungen an jeden Gehweg der Stadt. Trotzdem liebten wir diese Silhouette, weil sie das Bein streckte und sich beim Tanzen wunderbar bewegte. Dass man den unteren Rand der Jeans nach einem nassen Tag beinahe auswringen konnte, war der Preis für große Modegefühle.
Musikfernsehen und Teeniezeitschriften lieferten täglich neue Beweise dafür, dass Höhe offenbar zur Popkarriere gehörte. Wir sahen Sängerinnen, Tänzerinnen und Boyband-Stylings, übernahmen einzelne Elemente und bauten daraus unsere eigene Version, mit dem Budget eines Taschengeldkontos und der Fantasie einer kompletten Tourneeproduktion. Im Jugendzimmer wurden Schritte vor dem Spiegel geprobt, wobei der Teppich jede Drehung bremste und die schweren Sohlen ein energisches Eigenleben entwickelten. Trotzdem fühlte sich ein gelungener Refrain groß an, selbst wenn das Publikum nur aus der besten Freundin und einem Stofftier auf dem Regal bestand.
Gerade für Mädchen und für viele queere Teenager war diese sichtbare, spielerische Mode mehr als bloßer Schmuck. Sie bot die Möglichkeit, mit Rollen zu experimentieren, Kraft zu zeigen oder sich für einen Nachmittag in eine glamourösere Welt zu versetzen, ohne dafür schon alle Antworten über sich selbst haben zu müssen. Plateauschuhe in den 90ern machten uns buchstäblich größer, während wir innerlich noch herausfanden, wer wir sein wollten. Man konnte mädchenhaft, rebellisch, sportlich oder dramatisch aussehen, manchmal alles an einem einzigen Wochenende, und niemand verlangte eine endgültige Entscheidung.
Auch die Freundschaft spielte dabei eine Hauptrolle. Schuhe wurden anprobiert, Outfits gemeinsam bewertet und Notfallpflaster ausgetauscht, wenn eine Ferse den Modewillen nicht länger unterstützen wollte. Eine Freundin sagte ehrlich, ob die Hose richtig fiel, und ebenso ehrlich, ob man auf der Straße ein wenig zu vorsichtig lief. Dann übte man eben noch eine Runde, lachte über die ersten unbeholfenen Schritte und ging gemeinsam los. Diese kleinen Bündnisse machten aus einer Modeerscheinung eine Erinnerung, denn am Ende denken wir nicht nur an Sohlen und Schnürsenkel, sondern an die Menschen, mit denen wir uns darin ausprobierten.
Zwischen Blasenpflaster und unerschütterlichem Stolz
Natürlich hatte die Höhe ihren Preis. Nach einem langen Nachmittag in der Stadt fühlten sich die Füße an, als hätten sie eine eigene Klassenfahrt hinter sich, und beim Heimkommen begann das mühsame Aufschnüren mit einer Mischung aus Erleichterung und Wehmut. Unter der Socke wartete vielleicht eine rote Stelle, doch am nächsten Morgen wurden dieselben Schuhe wieder angezogen, weil Schmerz vorüberging und das passende Outfit bereits feststand. In Handtaschen und Rucksäcken lagen Pflaster, manchmal auch ein Paar dünne Ersatzschuhe, wobei man Letztere nur im äußersten Notfall hervorholte. Ein vorzeitiger Wechsel hätte sich angefühlt, als würde man eine Bühne vor dem letzten Refrain verlassen.
Trotz aller kleinen Unfälle waren Plateauschuhe erstaunlich alltagstauglich, sobald der Körper ihre besondere Statik verstanden hatte. Wir entwickelten einen ruhigeren Schritt, erkannten gefährliche Gitterroste aus mehreren Metern Entfernung und wussten, welche Abkürzung über den Parkplatz besser vermieden wurde. Dieses Wissen wurde nicht in Tutorials erklärt, sondern auf dem Schulweg weitergegeben. Wer neu in der hohen Liga war, bekam Hinweise von erfahreneren Freundinnen, und nach wenigen Tagen saß die Bewegung so selbstverständlich wie das Zurückspulen einer Kassette mit dem Finger.
Manchmal reagierten Erwachsene mit hochgezogenen Augenbrauen und der Frage, wie man darin nur laufen könne. Wir hätten antworten können, dass dieselbe Generation freiwillig in ganz anderen modischen Abenteuern unterwegs gewesen war, doch meistens genügte ein Schulterzucken. Jede Jugend braucht Dinge, die für Außenstehende leicht übertrieben wirken, weil Übertreibung ein wunderbares Werkzeug ist, um die eigene Kontur zu finden. Unsere Plateausohlen waren dabei nicht subtil, und genau deshalb funktionierten sie. Sie nahmen Raum ein, bevor wir selbst gelernt hatten, das ohne Hilfsmittel zu tun.
Warum uns ein paar Zentimeter bis heute tragen
Heute begegnen uns hohe Sohlen wieder in Schaufenstern, und plötzlich ist das alte Körpergefühl da, noch bevor wir bewusst an Schule, Musikvideos oder Samstagseinkäufe denken. Mode kehrt bekanntlich zurück, doch sie bringt nie exakt dieselbe Zeit mit. Wir können ein modernes Paar anprobieren und über die vertraute Schwere lächeln, aber der erste Gang damit durch den damaligen Schulflur lässt sich nicht wiederholen. Er gehört zu jenem Lebensabschnitt, in dem ein neues Kleidungsstück tatsächlich den ganzen Blick auf den kommenden Montag verändern konnte.
Vielleicht liegt die Wärme dieser Erinnerung darin, dass wir unsere Unsicherheit damals so sichtbar trugen. Wir waren nicht immer selbstbewusst, aber unsere Schuhe taten zumindest so, und manchmal reichte diese geliehene Haltung bis zur nächsten Pause. Plateauschuhe in den 90ern waren kleine Bühnen unter unseren Füßen, auf denen wir Mut, Stil und Zugehörigkeit probten. Sie erinnerten uns daran, dass man sich verändern durfte, ohne schon genau zu wissen, wohin die Reise ging, solange eine Freundin neben einem lief und notfalls den Arm reichte.
Wenn heute irgendwo eine schwere Sohle über Fliesen klopft, sehe ich für einen Moment wieder Schlaghosen über weißen Schuhen, glänzende Schnürsenkel und unser Spiegelbild in einer Kaufhaustür. Wir waren vermutlich weniger elegant, als wir glaubten, doch wir bewegten uns mit einer herrlichen Entschlossenheit durch diese Jahre. Ein paar Zentimeter Gummi machten keine Erwachsenen aus uns, aber sie hoben uns hoch genug, um die Welt kurz aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Und falls wir dabei einmal stolperten, standen wir auf, strichen die Hose glatt und gingen weiter, möglichst so, als hätte die kleine Choreografie genau so gehört.
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