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Willkommen zurück in Deiner Teenie-Zeit!

Als CD-Kaufen noch ein Ereignis war

Wenn ich an den CD-Laden der 90er denke, spüre ich beinahe wieder diese Mischung aus warmer Heizungsluft, frisch ausgepacktem Kunststoff und dem leicht staubigen Teppichboden, über den samstags halb aufgeregte Jugendliche in Plateauschuhen, Turnschuhen oder erstaunlich unpraktischen Stiefeletten schlurften. In der Tasche steckten ein paar zusammengesparte Scheine, manchmal noch Münzen aus dem Pfandglas, und im Kopf lief genau der Song, den man unbedingt besitzen wollte, weil eine Aufnahme aus dem Radio mit hineingequatschtem Moderator auf Dauer eben doch keine angemessene Grundlage für große Gefühle war. Schon der Weg dorthin hatte etwas Feierliches, denn Musik war nicht rund um die Uhr verfügbar, sondern wartete in einem Regal auf uns, eingeschweißt, glänzend und mit dem Versprechen, dass dieser Nachmittag einen eigenen Soundtrack bekommen würde.

Heute tippen wir einen Titel ein und hören ihn zwei Sekunden später, was praktisch ist und trotzdem ein kleines bisschen nach Zauberei ohne Vorfreude schmeckt. Damals musste man suchen, vergleichen, rechnen und gelegentlich akzeptieren, dass ausgerechnet die begehrte Maxi-CD ausverkauft war. Der CD-Laden der 90er war deshalb weit mehr als ein Geschäft; er war Treffpunkt, Informationsbörse und stilles Theater unserer Teenie-Sehnsüchte, in dem schon die Reihenfolge der Regale darüber entschied, ob wir zuerst cool wirken oder ohne Umweg zur Boygroup-Abteilung eilen würden. Natürlich gingen wir meistens ohne Umweg dorthin und taten anschließend so, als hätten wir rein zufällig genau vor diesem Fach gestanden.

Der CD-Laden der 90er und das große Suchen

Die Regale folgten einem System, das Erwachsenen vermutlich logisch erschien, während wir zwischen Pop, Dance, Rock und den rätselhaften Sammelbegriffen hin und her wanderten. Kleine Plastikkärtchen mit Buchstaben trennten die Künstlernamen, und jedes Durchblättern erzeugte dieses unverwechselbare Klackern der Jewelcases, das man heute sofort als akustisches Zeitportal erkennen würde. Wer nach einer bestimmten Single suchte, begann konzentriert, wurde nach fünf Minuten nervös und überprüfte schließlich auch Fächer, in denen sie unmöglich liegen konnte. Vielleicht hatte jemand sie falsch einsortiert, vielleicht stand noch ein Exemplar ganz hinten, vielleicht meinte das Universum es diesmal gut mit uns. In Liebesdingen waren wir ähnlich optimistisch, allerdings mit deutlich geringerer Erfolgsquote.

Besonders aufregend war die Wand mit den Neuerscheinungen und Charts, weil sie uns zeigte, was gerade wichtig sein sollte, während unser Herz längst entschieden hatte, was tatsächlich wichtig war. Ein Dance-Hit konnte auf Platz eins stehen und trotzdem gegen jene Ballade verlieren, bei der wir uns vorstellten, im Musikvideo durch Regen zu laufen, obwohl wir im wirklichen Leben schon bei Nieselwetter über die Frisur klagten. Wir lasen Cover, Rückseiten und winzig gedruckte Titellisten, als würden sie Hinweise auf unser zukünftiges Glück enthalten. Remixe versprachen zusätzliche Minuten, Radio-Versionen wirkten vertraut, und eine Instrumental-Fassung erschien plötzlich sinnvoll, weil man zu Hause selbstverständlich selbst den Gesang übernehmen würde.

Wenn die gesuchte CD nicht da war, blieb die Frage an das Verkaufspersonal, eine Mutprobe von erstaunlicher Größe. Man musste den Namen korrekt aussprechen, durfte nicht zu begeistert klingen und hoffte, dass keine Person aus der Schule in Hörweite stand. Ein freundliches 'kommt nächste Woche wieder rein' konnte den gesamten Tagesplan verändern, denn von da an war der nächste Samstag reserviert. Vorbestellungen wurden auf Zetteln notiert, Namen und Telefonnummern hinterlassen, und das Warten fühlte sich an wie eine kleine persönliche Beziehung zum Liefertermin. Geduld war keine Tugend, die wir freiwillig gewählt hatten; sie gehörte schlicht zur Ausstattung unserer Jugend.

Hörstationen zwischen Mutprobe und Offenbarung

Die Hörstation war das Herzstück vieler Musikläden und zugleich ein Ort, an dem man sich öffentlich sehr privat fühlte. Man setzte die großen Kopfhörer auf, deren Polster schon unzählige Frisuren kennengelernt hatten, drückte eine Taste und stand plötzlich mitten im Laden allein mit einem Lied. Um einen herum gingen Menschen vorbei, Kassen piepten und Plastikhüllen klackerten, doch für drei Minuten wurde alles leiser. Wer mit der besten Freundin dort war, reichte die Kopfhörer nach dem Refrain weiter und beobachtete ihr Gesicht, denn ein hochgezogener Augenbrauenbogen konnte eine ausführliche Rezension ersetzen. Gefiel ihr der Song, war die Freundschaft musikalisch bestätigt; gefiel er ihr nicht, musste man über ihren Geschmack später noch einmal grundsätzlich sprechen.

Manche Hörstationen boten nur ausgewählte Alben an, andere ließen die CD an der Theke öffnen, was uns eine Verantwortung verlieh, für die wir uns kaum bereit fühlten. Die Scheibe durfte keinen Fingerabdruck bekommen, die Hülle nicht knacken, und während des Hörens stand die Kaufentscheidung wie eine höfliche Verkäuferin neben uns. Reichte das Taschengeld für das Album, oder genügte die Maxi-CD? War der zweite Song gut genug, um die teurere Ausgabe zu rechtfertigen? Wir lernten dabei ganz nebenbei Budgetplanung, Priorisierung und die bittere Wahrheit, dass man nicht gleichzeitig eine neue CD, einen Lippenstift und Pommes mit Mayo finanzieren konnte.

Gerade diese Begrenzung machte die Wahl so intensiv. Wir hörten genauer hin, weil ein Fehlkauf wochenlang im Regal stehen und uns an unsere Leichtgläubigkeit erinnern würde. Eine CD mit nur einem wirklich guten Titel war keine Kleinigkeit, sondern eine wirtschaftliche Fehlentscheidung auf Teenager-Niveau. Dafür fühlte sich ein Album, das von Anfang bis Ende funktionierte, wie ein geheimer Fund an. Man nahm es mit nach Hause, entfernte vorsichtig die Folie und wusste nach wenigen Tagen, an welcher Stelle der dritte Titel begann, ohne auf das Display sehen zu müssen. Musik wurde nicht nebenbei konsumiert; sie bekam Zeit, Wiederholungen und einen festen Platz im Zimmer.

Maxi-CDs, Booklets und kleine Kostbarkeiten

Die Maxi-CD war ein wundervolles Zwischenwesen: größer und glänzender als eine Kassettensingle, günstiger als ein Album und oft vollgepackt mit Versionen desselben Liedes, deren Unterschiede nur Eingeweihte zuverlässig erklären konnten. Es gab den Radio Edit, den Extended Mix, einen Club Mix und manchmal eine Balladenfassung, bei der plötzlich Streicher auftauchten und alles noch tragischer klang. Wir hörten sie trotzdem alle, denn wir hatten bezahlt und wollten jeden Takt nutzen. Außerdem konnte ausgerechnet der sieben Minuten lange Remix beim Aufräumen des Jugendzimmers helfen, auch wenn das Aufräumen meistens darin bestand, Kassetten neu zu sortieren und alte Zeitschriften wieder zu lesen.

Das Booklet war beinahe so wichtig wie die Musik. Wir studierten Fotos, suchten in Danksagungen nach Namen und entzifferten Songtexte, wenn welche abgedruckt waren. Fehlten sie, entstand eine eigene Lautschrift, die mit der Originalsprache nur lose verwandt war und trotzdem mit großer Überzeugung gesungen wurde. Ein neues Foto des Lieblingsstars konnte ausreichen, um die CD-Hülle für einige Tage sichtbar auf den Schreibtisch zu stellen, ganz beiläufig natürlich. Bei Freunden wurde verglichen, wer welche Ausgabe besaß, ob es ein anderes Cover gab und ob irgendwo ein Poster beigelegt war. Sammeln war damals keine strategische Wertanlage, sondern eine gefühlte Verpflichtung.

Auch das Bezahlen gehörte zum Ritual. Münzen wurden auf den Tresen gelegt, Bonuskarten gestempelt und die Tüte so getragen, dass niemand sie versehentlich knickte. Auf dem Heimweg konnte man die Trackliste noch einmal lesen, obwohl sie sich seit der Kasse nicht verändert hatte. Zu Hause wartete der CD-Player, vielleicht Teil einer Kompaktanlage mit zwei Kassettendecks, und der erste Durchlauf verlangte Ruhe. Das Telefon durfte klingeln, die Hausaufgaben durften warten, und selbst Familienmitglieder mussten verstehen, dass gerade Kulturgeschichte stattfand. Natürlich verstanden sie es nicht, weshalb wir die Zimmertür schlossen und die Lautstärke um zwei Stufen erhöhten.

Warum wir Musik damals anders liebten

Es wäre bequem zu behaupten, früher sei alles besser gewesen, doch beschädigte Hüllen, springende CDs und ausverkaufte Singles waren keineswegs romantisch, während ein heutiger Streamingdienst viele wunderbare Entdeckungen ermöglicht. Anders war vor allem die körperliche Nähe zur Musik. Wir hielten sie in der Hand, liehen sie aus, beschrifteten Hüllen und wussten genau, wem wir welche Scheibe anvertraut hatten. Ein Kratzer war kein abstrakter Datenfehler, sondern eine sichtbare Verletzung, die mitten im Lieblingsrefrain hörbar wurde. Deshalb behandelten wir manche CDs vorsichtiger als unsere Schulbücher, was rückblickend eine recht ehrliche Auskunft über unsere Prioritäten gibt.

Der CD-Laden der 90er gab unserem Geschmack außerdem einen öffentlichen Raum. Dort trafen unterschiedliche Szenen aufeinander, beobachteten sich, tauschten Empfehlungen aus und entwickelten jene feinen Antennen, mit denen Teenager binnen Sekunden erkannten, wer denselben Star liebte. Für viele Frauen und schwule Männer, die sich in ihrem Alltag nicht immer vollständig gesehen fühlten, konnten Popmusik, Boygroups und schillernde Bühnenwelten ein tröstlicher Gegenentwurf sein. Zwischen den Regalen war Begeisterung erlaubt, auch wenn sie gelegentlich hinter lässigem Blättern versteckt wurde. Ein Song musste nichts lösen; manchmal genügte es, dass er ein Gefühl kannte, für das uns selbst noch die Worte fehlten.

Vielleicht erinnern wir uns deshalb weniger an einzelne Preise als an die Spannung vor dem Kauf. Wir hatten nicht jeden Song jederzeit, also bauten wir Beziehungen zu den wenigen auf, die uns gehörten. Ein Album begleitete eine Busfahrt, eine erste Verliebtheit, einen Streit oder einen Sommerurlaub so oft, bis Musik und Erinnerung untrennbar wurden. Jahrzehnte später reichen zwei Takte, und plötzlich stehen wir wieder zwischen CD-Regalen, die Jacke über dem Arm, das Taschengeld in der Hand und die beste Freundin neben uns. Der Körper kennt den Weg zurück schneller als der Kopf, einschließlich jenes kleinen Herzsprungs, wenn der gesuchte Titel endlich vorne im Fach auftauchte.

Was vom CD-Laden der 90er bleibt, ist deshalb nicht bloß Nostalgie für Plastik und Preisschilder. Es ist die Erinnerung an Aufmerksamkeit, Vorfreude und die zärtliche Ernsthaftigkeit, mit der wir unsere Lieblingsmusik auswählten. Wir konnten eine Stunde suchen, drei Minuten probehören und anschließend wochenlang von genau dieser Entscheidung leben. Vielleicht hatten wir weniger Auswahl im Moment, doch das Gewählte bekam mehr Platz. Wenn heute ein alter Jewelcase-Deckel knackt und die silberne Scheibe im Licht schimmert, sehen wir für einen Augenblick wieder unser jüngeres Ich, das noch nicht wusste, wohin das Leben führen würde, aber ganz sicher wusste, welcher Song auf dem Heimweg im Kopf laufen sollte.

Buchtipp: Eloy de Jong – Ganz bei mir

Eloy de Jong blickt auf ein Leben zurück, das berührt, inspiriert und zeigt, wie viel Stärke in einem Menschen stecken kann. Seine neue Biografie zeichnet seinen Weg vom Kind aus Den Haag, das in der Schule häufig aneckte, bis hin zu einem der erfolgreichsten Schlagerkünstler Deutschlands nach – und erzählt dabei von all den Momenten, die ihn geprägt haben.

Das Buch nimmt dich mit zu seinen ersten Jahren als Tänzer, den Zeiten des Zweifelns und der Ausgrenzung und natürlich zu dem Tag, an dem er beim Casting für Caught in the Act sein Leben für immer veränderte. Aber auch die weniger glamourösen Seiten kommen vor: frühe Misserfolge, der Druck des Ruhms, das Ende der Boyband und die Suche nach einer neuen Richtung.

Besonders bewegend sind die Kapitel über seine bedeutenden Beziehungen – unter anderem zu Stephen Gately und Carlo Boszhard – sowie über seinen größten privaten Wegabschnitt: das Leben als Teil einer Regenbogenfamilie, die Geburt der Zwillinge und der schmerzhafte Abschied von Milon.

Die Biografie beleuchtet ebenso seine Rückkehr ins Rampenlicht, den Solo-Erfolg mit „Kopf aus – Herz an“, seine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und seine wachsende Rolle als inspirierende Stimme in der LGBTQ+-Community. Ergänzt wird das alles durch eindrucksvolle Fotos und viele persönliche Einblicke, die Eloys Entwicklung greifbar machen.

Für alle Fans von Caught in the Act, Schlagerliebhaber oder Menschen, die Eloy schon lange begleiten, ist dieses Buch ein emotionales und sehr aufrichtiges Porträt eines außergewöhnlichen Lebenswegs.

Das erwartet dich im Buch:

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